The Berlin International Center for the Study of Antisemitism

Monat: August 2026

Exportschlager Militarismus

Von Dr. phil. Clemens Heni, Direktor, The Berlin International Center for the Study of Antisemitism (BICSA)

Von den wichtigsten Parteien, die in Israel am 27. Oktober 2026 zur Knesset-Wahl antreten, ist keine einzige, deren Vorsitzende oder Spitzenkandidatin eine Frau ist. Es ist eine reine Männerveranstaltung, was in einem Webinar von UnXeptable mit der Journalistin Noga Tarnopolsky vor wenigen Tagen verdeutlicht wurde.

Eine der aktivsten und in kurzer Zeit zu einer der profiliertesten ‚linken‘ Knessetabgeordneten avancierten Politikerinnen und Aktivistinnen ist Naam Lazimi. Sie ist Sozialdemokratin, Feministin und Zionistin. Sie ist misrachische Israelin, also nahöstlicher und nicht aschkenasisch-europäischer Herkunft. Das macht sie zu einem besonderen Ziel der misrachisch-rechtsextremen Parteien, Politiker:innen und Aktivist:innen.

Sie möchte gleiche Rechte für die Araber:innen in Israel. Sie ist auch eine energische Kämpferin gegen den „Diktator“ Netanyahu, wie sie ihn nicht ohne Grund nennt. Gleichwohl wendet sie sich in einem langen Gespräch mit Haaretz Mitte August 2026 dagegen, Netanyahu nach einem möglichen Wahlsieg des Anti-Netanyahu-Lagers wegen möglicher Kriegsverbrechen anzuklagen. Ebenso wendete sie sich jüngst gegen eine baldige Anerkennung eines Staates Palästina, was sich 2025 noch anders anhörte, als sie weiterhin eine Zweistaatenlösung präferierte.

Der Kandidat mit den besten Chancen, mit seiner Partei die meisten Stimmen zu bekommen, ist aktuell Gadi Eisenkot. Auf ihm ruhen die größten Hoffnungen des Anti-Netanyahu-Lagers. Er ist aber zugleich Mainstream, kein Gesellschaftskritiker, definitiv kein Linker und auch kein ziviler Kandidat. Eisenkot ist ein pensionierter General der israelischen Armee IDF. Genauso wie Ehud Barak, Benny Gantz und als einziges tatsächlich positives Beispiel Yitzhak Rabin kommt Eisenkot also von den IDF her. Insofern ist von ihm keine Aufarbeitung der Kriegsverbrechen der IDF im Gazakrieg (oder auch im aktuellen Libanonkrieg) zu erwarten.

Dabei hat die israelische Armee IDF im Januar 2026 selbst zugegeben, dass die Zahl von ca. 70.000 getöteten Palästinenser:innen im Gaza-Krieg seit Oktober 2023 richtig ist. Darunter ca. 9000 Hamas- und Islamischer Jihad-Kämpfer.

Ökonomisch hat sich der Krieg Israels auf gewisse Weise gelohnt. Die Aktienkurse israelischer Firmen haben sich seit Oktober 2023 bis heute mehr als verdoppelt. Geht es primär um den Verkauf von Obst (Jaffa-Orangen) und Gemüse? Eher nicht:

Israelische Rüstungs- und Waffenunternehmen erleben einen Boom. Die Marktkapitalisierung von Elbit Systems, einem der führenden israelischen Rüstungsunternehmen, das Drohnen und andere Waffensysteme herstellt, ist auf mehr als das Dreifache des Wertes vor dem 7. Oktober 2023 gestiegen. Im Jahr 2025 erzielte die israelische Rüstungsindustrie – zu der neben Elbit auch Israel Aerospace Industries und Rafael Advanced Defense Systems gehören – einen Rekordumsatz von 19,2 Milliarden US-Dollar im Exportgeschäft, was einem Anstieg von mehr als 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht; mehr als ein Drittel dieses Wertes entfiel auf Europa.

(Übersetzungen aus dem Englischen von CH)

So heißt es in einem Text in Haaretz. Der Kauf der Cybersecurity Firma Wiz durch Google zu einem Preis von 32 Milliarden US-Dollar ist der teuerste Verkauf einer in Israel gegründeten Firma, auch wenn Wiz aktuell in den USA sitzt, doch viele seiner Entwicklungen kommen aus Israel. Nur: was sind das für Forschungszweige? Militärische Zweige.

Viel militaristischer beziehungsweise kapitalistisch-industriell-militärischer Bullshit kommt aus Israel, von riesigen 3-D-Druckern, die Raketenteile drucken, über Drohnentechnologie hin zu Roboter-Schiffen. Israel ist mittlerweile der siebtgrößte Waffenexporteur der Welt, noch vor England bzw. dem Vereinigten Königreich (UK). Israel konnte einige dieser Waffensysteme im Gaza-Krieg oder anderen Kriegen selbst erproben. Mit einer Sicherheit für den einzigen Judenstaat hat das Exportieren von solchen Waffen exakt gar nichts zu tun. Mit einem Mitmachen im weltweiten Trend zu mehr Machismus, patriarchaler Gewalt, post-neoliberalem autoritärem Kapitalismus und Militarismus hingegen sehr wohl.

Leon Sverdlov bringt am 27. August 2026 die geradezu abgöttische Liebe des Anti-Netanyahu-Lagers für das Soldatische und Militärische in der Haaretz treffend auf den Punkt:

Dem liberalen Lager Israels mangelt es nicht an Generälen im Ruhestand. Es mangelt ihm an zivilen Führungskräften, die bereit sind, die militärische Orthodoxie in Frage zu stellen, anstatt sie zu verkörpern. Eine Armee existiert, um Krieg zu führen. Eine demokratische Führungskraft existiert, um zu hinterfragen, wann, warum und wie diese Armee eingesetzt wird – und wann sie gestoppt werden muss.

Solange die israelische Opposition nicht aufhört, Glaubwürdigkeit auf dem Schlachtfeld mit demokratischer Führung zu verwechseln, wird sie weiterhin ihr Heil in genau jener Institution suchen, die es wiederholt versäumt hat, ihr dieses Heil zu bringen.

Weite Teile des europäischen politischen Establishments kritisieren Israels Politik – aber gleichzeitig beziehen sie Waffen und Waffensysteme aus Israel, häufig im fanatischen Kampf der EU gegen einen Waffenstillstand im Russland-Ukraine-Krieg, der de facto ein NATO-Krieg gegen Russland ist und schon viel länger dauert als seit 2022.

Es wäre schon sehr viel gewonnen, wenn der korrupte, rechtsextreme und kriegsverbrecherische Premierminister Netanyahu im Orkus der Geschichte verschwände, allerdings erst nach einem Urteil gegen ihn. Aber Israel wird dadurch nicht automatisch wieder zu einer liberalen Demokratie. Die Prädominanz von Ex-Generälen wie Eisenkot sind für eine Demokratie extrem schädlich. Und doch ist es ein Skandal, dass Netanyahu und seine Lakaien Eisenkot den Personenschutz verwehren wollen – und das nachdem Netanyahu schon 1995 mitverantwortlich war für die mörderische Hetze gegen Rabin und heute hetzt Netanyahu wieder gegen seinen ärgsten Rivalen, der jetzt Eisenkot heißt.

Solange sich in der Bundesrepublik Leute nur wegen Antisemitismus aufregen und deshalb zu Recht auf die Straße gehen, aber zu den Verbrechen im Gaza-Krieg und den fürchterlichen Tendenzen der politischen Kultur in Israel schweigen, kann man sie nicht mehr ernst nehmen, wie eine Demonstration gegen Antisemitismus in Frankfurt am Main am 30. August 2026. Diese Leute wenden sich logisch gegen die antizionistische Parole „from the river to the sea“, wie sie von Antisemit:innen in Frankfurt skandiert wurden und weltweit skandiert werden. Aber gleichzeitig arbeiten die israelische Regierung, die israelische Armee und die Rechtsextremen in Israel an genau dieser Idee: from the river to the sea, nur eben jüdisch und nicht muslimisch-christlich-arabisch. Das ist die bittere Pointe.

Denn beide Bewegungen sind antizionistisch und antidemokratisch – „from the river to the sea“. Also müssen auch beide Bewegungen bekämpft werden. Doch das tut die deutsche vermeintliche Pro-Israel-Szene gerade nicht. Weil sie vorsätzlich ignoriert, was zum Beispiel die Haaretz berichtet und was Realität ist im Westjordanland.

Pointiert gesagt: man kann sich nicht über brutale antisemitische Schläger in Deutschland aufregen und zu der Gewalt und der from-the-river-to-the-sea-Ideologie der religiösen Fanatiker in Israel und dem Westjordanland sowie den Zehntausenden Toten, die die IDF zu verantworten hat im Gaza-Krieg schweigen. 46 Prozent der Toten im Gaza-Krieg sind Frauen und minderjährige Kinder, das ist der höchste Prozentsatz in Kriegen in den letzten Jahrzehnten:

Die Haaretz hat in einer langen Recherche zu den Toten im Gaza-Krieg, die ich hier heranziehe, zusammengefasst geschrieben:

Eine genaue Betrachtung der Methodik der Liste kann den Blick darauf verschleiern, wofür sie letztendlich steht: eine immense menschliche Tragödie, Zehntausende verlorene Menschenleben. Einige davon waren Hamas-Kämpfer, die im Kampf oder bei Angriffen getötet wurden, die Israel ohne Weiteres rechtfertigen kann. Doch die meisten Namen gehören Zivilist:innen, die im Rahmen einer äußerst ‚großzügigen‘ israelischen Feuerrichtlinie getötet wurden.

Unter ihnen ist Asr Abu al-Qumsan, ein drei Tage altes Baby, das ums Leben kam, als eine Rakete sein Haus traf; er ist unter Eintrag 34 aufgeführt. Direkt unter ihm steht seine Zwillingsschwester Eisel. Ihre Mutter Jumana erscheint unter Eintrag 36.671; ihre Großmutter Reem unter 59.002. Alle kamen bei dem Angriff auf ihr Haus in Deir al-Balah im August 2024 ums Leben.

Die Selbstgefälligkeit der deutschen Anti-Antisemit:innen ist unerträglich. Sie wollen und können nicht sehen, dass der größte Feind Israels das heutige Israel ist, seine Politiker:innen, sein Militär, seine politische Kultur, seine Gewalttätigkeit, sein Machismo, seine technische Brillanz („Start-up-Nation“) und Brutalität, die alle mit einem auf Selbstbestimmung und Gleichberechtigung basierenden Zionismus nichts mehr zu tun haben.

Wer schließlich den antirussischen Rassismus mitmacht, wie es weite Teile der Pro-Israel-Szene im weitesten Sinne tun, und dann auch noch israelische Firmen ganz grundsätzlich feiert („Neues Innovationszentrum in der Hauptstadt: Berlin und israelischer Luftfahrtkonzern starten Kooperation. Berlin und ein großer israelischer Konzern planen ein Innovationszentrum für Luft- und Raumfahrt sowie Verteidigung“, Der Tagesspiegel, 11.06.2026), die diesen Krieg und die Militarisierung Deutschlands, Europas und der Welt mit anheizen, hat aus der Geschichte wiederum die exakt falschen Schlüsse gezogen.

Es muss gegen die Bundeswehr, gegen Militarismus, gegen die NATO und gegen Putin sowie gegen Selenskyi gehen, für Demokratie, gegen Krieg und Militarismus. Wobei das einzige Militärbündnis, das sich seit 1990 im Osteuropa imperialistisch ausgebreitet hat, die NATO ist, aber wem sage ich das.

Hier in Deutschland herrscht mit dieser Koalition der brutale a-soziale Kahlschlag Hand in Hand mit der Militarisierung des öffentlichen Raums wie der Werbung für die Bundeswehr auf jeder Straßenbahn oder U-Bahn. Und dann wundern sich die Leute, dass eine Partei, die diesen apokalyptischen Sommer als „endlich mal wieder ein normaler Sommer“ in seiner tödlichen Gewalt entwirklicht, im Osten am nächsten Sonntag 30 bis 45 Prozent der Stimmen bekommen wird.

 

Haaretz: Ist Ben-Gvir nur ehrlicher und vulgärer als Gadi Eisenkot, die IDF und die israelische Gesellschaft?

Von Dr. phil. Clemens Heni, Direktor, The Berlin International Center for the Study of Antisemitism (BICSA)

Der israelische Minister für Nationale Sicherheit Itamar Ben-Gvir sagte vor wenigen Tagen, wie die Presse weltweit berichtete:

„Ich finde, in Gaza sollten jede Nacht gezielte Tötungen durchgeführt werden. Man sollte 30 oder 40 ausschalten“, sagte er. „Nicht nur diejenigen, die euch gerade jetzt gefährden. Das sind Menschen, die nicht am Leben sein sollten“, sagte Ben-Gvir. „Ich mache ihnen ein Kompliment, wenn ich sie als Menschen bezeichne.“

(Alle Übersetzungen aus dem Englischen in diesem Text vom Autor)

Die ZEIT nennt Ben-Gvir „Minister des Hasses“ und schreibt:

Dass sein Interview mit den menschenverachtenden Aussagen kurz vor dem Besuch von Jared Kushner als US-Sondergesandter für Friedensmissionen bei Netanjahu veröffentlicht wurde, überrascht nicht: In Wahlumfragen kommt Ben-Gvirs Partei ‚Jüdische Stärke‘ auf zehn von 120 Knessetsitzen. Das wären so viele wie nie und genug, um für Netanjahu politisch überlebenswichtig zu sein. Ben-Gvir strotzt somit vor Kraft.

Der SPIEGEL geht noch weiter und analysiert, dass Ben-Gvir eigentlich nur ausspricht, was während des Gaza-Krieges von Israel an der Tagesordnung war:

Zumal die Frage ist, warum die Aufregung über Ben-Gvirs Worte eigentlich so groß ist, aber nicht die über die ganz realen Taten von Israels Regierung und Armee. In Gaza wurden in den ersten zwei Kriegsjahren mehr als 70.000 Palästinenser getötet, darunter allein 21.000 Kinder und Jugendliche. Es sind Zahlen, die man selbst in Israel inzwischen nicht mehr bestreitet. Mit anderen Worten: Israels Armee hat im Durchschnitt pro Tag ziemlich genau 30 Kinder und Jugendliche getötet, per se Unschuldige. Dazu kommen noch zahlreiche erwachsene Opfer, die mit der Hamas nichts zu tun hatten.

Komplett realitätsfremd hingegen ist die Einschätzung des Präsidenten der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) Volker Beck in der Jüdischen Allgemeinen, der Wochenzeitung des Zentralrats der Juden in Deutschland:

Aber: Diese Aussagen spiegeln nicht die Politik Israels wider. Denn Ben-Gvir ist zwar Mitglied des Sicherheitskabinetts des Staates Israel. Er hat aber in Gaza weder militärische noch exekutive Gewalt. Er ist dort Zuschauer und Kommentator. Und aktuell auch Wahlkämpfer einer Kleinpartei.

Ganz im Gegensatz dazu schreibt die israelischen Tageszeitung Haaretz:

Deutschland hat seinen israelischen Bösewicht gefunden. Wird es weiterhin die Realität ignorieren, die ihn hervorgebracht hat?

Es ist klar, dass man so eine Kritik weder von der DIG noch vom Zentralrat der Juden in Deutschland oder der selbst ernannten Pro-Israel Szene hören wird. Wer sich wirklich um die Situation in Israel kümmert, weil sie erdrückend und schockierend ist, seit Jahren, sind einige wenige linke Aktivist:innen, Autor:innen und Journalist:innen in Israel.

So heißt es weiter in dem Text von David Issacharoff:

Ben-Gvir mag zwar offen dazu aufrufen, täglich Dutzende Palästinenser zu töten. Doch die gesamte von Netanjahu geführte Regierung hat diese Rhetorik nach dem 7. Oktober in die Tat umgesetzt und sich für die Tötung von Zehntausenden sowie die Zerstörung des Gazastreifens bis auf die Grundmauern ausgesprochen. Acht Monate lang nach dem Angriff der Hamas gehörten zu dieser Regierung auch Benny Gantz und Netanjahus derzeitiger Hauptkonkurrent, Gadi Eisenkot, der schließlich zurücktrat, weil Netanjahu es seiner Meinung nach versäumt hatte, ein konkretes Nachkriegsziel für den Gazastreifen zu formulieren. Er verließ die Regierung sicherlich nicht aus Protest gegen die wahllose Tötung von Palästinensern.

Ganz ähnlich schrieb kurz zuvor Ben Samuels ebenfalls in der Haaretz über das intellektuelle Versagen weiter Teile des amerikanisch-jüdischen Establishments, dem er vorwirft,

ein Israel zu verteidigen, das es längst nicht mehr gibt.

Dabei kritisiert Samuels eine ganz typische und reduktionistische Stellungnahme des American Jewish Committee (AJC) zu den rassistischen und menschenverachtenden Aussagen von Ben-Gvir.

Ben-Gvir ist kein x-beliebiger Hinterbänkler, Randaktivist oder chronischer Online-Troll. Er ist der Minister, der für das israelische Polizei- und Strafvollzugssystem zuständig ist. Er sitzt im Kabinett und übt großen Einfluss sowohl auf die israelische Politik als auch auf Ministerpräsident Benjamin Netanjahu aus. Zu behaupten, seine Ansichten spiegelten in keiner Weise die der israelischen Regierung wider, zeugt von einer vorsätzlichen Ignoranz gegenüber der israelischen Politik selbst und dem Wesen der heutigen israelischen Gesellschaft.

Das steht in krassem Kontrast zu einem nationalistischen und anti-palästinensischen Text in der Times of Israel (TOI), die in den letzten Jahren auch deutlich nach rechts gerückt ist. In dem von der Redaktion der TOI promoteten Text von Eitan Chikli vom 11. August 2026 wird vor Gadi Eisenkot gewarnt – nicht weil er wie die Haaretz zu Recht betont, an der Tötung von vielen Tausenden unbewaffneten Zivilist:innen in Gaza als Teil des Kriegsministeriums politisch und juristisch mitverantwortlich ist, sondern weil er viel zu lasch sei und Palästinenser:innen zumal aus dem Westjordanland mehr Arbeitserlaubnisse geben möchte.

Wer sich Jahrzehnte für den Zionismus und für Israel wissenschaftlich, intellektuell wie aktivistisch eingesetzt hat, kriegt eben die Vollkrise, wenn man sich mit der israelischen Realität beschäftigt.

Natürlich ist der Unterschied ums Ganze, dass andere rechtsextreme Regierungen weltweit oder islamistische oder andere autoritäre Regime nicht annähernd die Aufmerksamkeit bekommen, wie Israel. Wer sorgt sich schon um Rassismus und Technofaschismus in China, um antisemitische Soldaten und Würdigungen von Nazi-Kollaborateuren oder den antirussischen Drohnenkrieg in der Ukraine – während rechtsextreme Vordenker großrussischer Träume (Dugin) und die brutale russische Version des Drohnen- und sonstigen Krieges sehr wohl und zu Recht kritisiert werden – oder wer hat auch ne kleine Ahnung von antidemokratischen Parteien und Tendenzen in weiten Teilen Afrikas oder Lateinamerikas?

Siehste. Israel ist seit 1948 weltweit im Fokus, vielfach aus antisemitischen Motiven heraus. Aber hier und heute eben nicht nur aus antisemitischen Motiven, sondern im Gegenteil auch aus zionistischer Perspektive heraus.

Israel ist hier und heute völlig zu Recht im Fokus, wenn es darum geht, eine Demokratie mit ihren Fehlern und auch mit ihren Kriegsverbrechen zu konfrontieren.

Israel ist durch die präzedenzlosen islamistischen Massaker der Hamas, des Islamischen Jihad und der Palästinenser vom 7. Oktober tief traumatisiert.

Doch seine Reaktion im Gazakrieg sprengte nach wenigen Wochen alle Relationen und zerstörte buchstäblich nahezu alle Gebäude und Infrastruktur und tötete Zehntausende Unschuldige.

Ben Samuels beendet seinen Text, der den paar wenigen Linkszionist:innen, die es weltweit noch gibt, aus dem Herzen spricht:

Das American Jewish Committee (AJC) kann jedoch nicht jede hässliche Ausprägung der israelischen Politik als etwas abtun, das irgendwie außerhalb der Realitäten Israels selbst liegt. Wir haben den Punkt längst hinter uns, an dem die Behauptung, Ben-Gvir sage nichts über die Regierung aus, noch einer Verteidigung Israels gleichkam. Es sieht zunehmend eher so aus, als weigere man sich, tatsächlich hinzuschauen, was aus Israel geworden ist.

Natürlich lacht die mainstreamig-reaktionäre und im Kern anti-israelische Pro-Israel-Szene in Deutschland, Österreich oder den USA, Frankreich und England darüber herzhaft, sie teilen großteils den weltweiten neuen Autoritarismus.

Ohne eine Aufarbeitung der Kriegsverbrechen der israelischen Armee IDF im Gaza-Krieg (und im Libanon-Krieg btw) wird es niemals Frieden geben, sowenig es jemals Frieden geben wird, wenn die Araber Israel nicht anerkennen und aktiv gegen den muslimischen und säkular-arabischen antizionistischen Antisemitismus vorgehen.

Und das ist die Ironie unserer Tage schlechthin: es ist aktuell fast wahrscheinlicher, dass ein Terrorstaat wie Saudi-Arabien, der Frauen wie Müllsäcke behandelt und Oppositionelle steinigt, Homosexuelle ermordet und Dieben die Hände abhackt, Israel anerkennt und gegen den antisemitischen Jihad vorgeht als dass Israel gegen den jüdischen Terrorismus im Westjordanland aktiv wird und den Palästinenser:innen ihren Staat ermöglicht, wie von der UN Resolution 181 am 29. November 1947 verkündet.

David Issacharoff bringt es in seinem Text vom 20. August 2026 auf den Punkt:

Die Bestrafung eines bequemen Bösewichts allein wird Israel nicht verändern. Tatsächlich könnte es sogar das Gegenteil bewirken: Es könnte Ben-Gvirs Image als Israels einsamer Kämpfer stärken, während er in einem Land, das von Tag zu Tag extremer wird, zunehmend zum Mainstream wird.

Die Haaretz und selbst manche Autorinnen vom Spiegel oder gar das Satiremagazin Postillon haben das erkannt, aber die deutsche Bundesregierung, die DIG, das AJC und andere jüdische Organisationen in den USA und der Zentralrat der Juden in Deutschland ohnehin werden noch Jahrzehnte brauchen, um zu solchen Erkenntnissen zu gelangen. Zu spät für die Palästinenser:innen und zu spät für die Rettung dessen, was 1947 als zionistische Idee von Israel einmal existierte.

2023 gab es Massenproteste gegen die bis heute geplante Justizreform in Israel. Hunderttausende demonstrierten an Samstagen und anderen Tagen. Und das von Januar bis September 2023, jede Woche. Wenn jetzt ein Fascho wie Ben-Gvir, israelischer Minister, offen davon spricht, täglich 30 bis 40 Palästinenser:innen in Gaza einfach abzuschießen, gibt es keine Proteste. Das sagt uns eigentlich alles über die politische Kultur in Israel.

Sicher, es gibt die Haaretz. Und es gibt zionistische Forscher:innen, Autor:innen sowie NGOs, die für ein demokratisches Israel kämpfen. Aber das sind mini-kleine Kreise, mit denen man gemütlich Latkes oder Sufganiot essen kann am Shabbes-Ausgang Samstag Nacht – aber sie sind zu wenige, um Israel vor sich selbst und vor seinen selbsternannten Freund:innen zu retten.

 

Jetzt lieferbar: Woke Zionism

Liebe Leserinnen und Leser, Freundinnen und Freunde,

die aktuellen Entwicklungen in Israel zeigen einen tief verwurzelten Rassismus, der mit der ursprünglichen Idee des Zionismus nichts mehr zu tun hat. Der Journalist Ben Samuels hat das in der Haaretz vor wenigen Tagen angesichts einer verkürzten Stellungnahme des American Jewish Committe aus den USA bezüglich der jüngsten Äußerungen des Faschos und israelischen Ministers für nationale Sicherheit Ben Gvir auf den Punkt gebracht:

They cannot, however, dismiss every ugly manifestation of Israeli politics as somehow beyond the realities of Israel itself. We are long past the point when insisting that Ben-Gvir tells us nothing about the government amounts to a defense of Israel. Increasingly, it looks more like a refusal to actually look at what Israel has become.

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Also: unser neues Buch ist ab sofort lieferbar:

Clemens Heni/Dietrich Dancker (eds.):

Woke Zionism

Vol. 1

 

186 pages |20 € | Paperback with flaps | 17 x 24 cm | Bibliography | Index |

| About the authors and editors | Abstracts in German |

ISBN 978-3-946193-46-3 (Print)
ISBN 978-3-946193-47-0 (E-Book)

The Berlin International Center for the Study of Antisemitism (BICSA) / Middle East Studies, Vol. 8, Studien zum Nahen Osten, Band 8

Das Buch ist in jedem Buchladen bestellbar.

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The unprecedented crimes of Oct. 7, when Muslim and Palestinian men butchered, gang raped, tortured, burned alive, shot 1200 Jewish women, men, children, babies and Holocaust survivors and other nationals and abducted 251 Jews and others to Gaza, were the worst crimes against the Jewish people since the Shoah.

Today we see an equally unprecedented wave of antisemitism and Jew hatred around the globe. Calls for killing Zionists appear on posters, stickers and are slogans like in Berlin, Naples, Paris, Madrid, London or New York City, to name but big European and American cities.

This books wants to give left-of center, left-wing and woke Zionists a public voice: Fighting antisemitism, including Islamism and secular anti-Zionism, while pursuing peace in the Middle East, against Jewish supremacism, racism, the occupation, war crimes during the War in Gaza and ultra-nationalism.

Zionism is not a given. We have to fight for its future in a democratic and Jewish state of Israel, alongside a future Palestinian state, as Resolution 181 from November 29, 1947 stated.

AUTHORS IN THIS VOLUME:

VERENA E. BRUNSCHWEIGER
IVOR CHIPKIN
DIETRICH DANCKER
EVALOTTA FLÖTTMANN
DANIEL GOLDMAN
ULRICH GUTMAIR
CLEMENS HENI
EVA ILLOUZ
IRIT LAHAV
MONTY OTT
ASSAF SHARON
J.M.SORRELL
EINAT WILF

 

 

 

 

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