The Berlin International Center for the Study of Antisemitism

Schlagwort: Zionismus Seite 1 von 3

Haaretz: Ist Ben-Gvir nur ehrlicher und vulgärer als Gadi Eisenkot, die IDF und die israelische Gesellschaft?

Von Dr. phil. Clemens Heni, Direktor, The Berlin International Center for the Study of Antisemitism (BICSA)

Der israelische Minister für Nationale Sicherheit Itamar Ben-Gvir sagte vor wenigen Tagen, wie die Presse weltweit berichtete:

„Ich finde, in Gaza sollten jede Nacht gezielte Tötungen durchgeführt werden. Man sollte 30 oder 40 ausschalten“, sagte er. „Nicht nur diejenigen, die euch gerade jetzt gefährden. Das sind Menschen, die nicht am Leben sein sollten“, sagte Ben-Gvir. „Ich mache ihnen ein Kompliment, wenn ich sie als Menschen bezeichne.“

(Alle Übersetzungen aus dem Englischen in diesem Text vom Autor)

Die ZEIT nennt Ben-Gvir „Minister des Hasses“ und schreibt:

Dass sein Interview mit den menschenverachtenden Aussagen kurz vor dem Besuch von Jared Kushner als US-Sondergesandter für Friedensmissionen bei Netanjahu veröffentlicht wurde, überrascht nicht: In Wahlumfragen kommt Ben-Gvirs Partei ‚Jüdische Stärke‘ auf zehn von 120 Knessetsitzen. Das wären so viele wie nie und genug, um für Netanjahu politisch überlebenswichtig zu sein. Ben-Gvir strotzt somit vor Kraft.

Der SPIEGEL geht noch weiter und analysiert, dass Ben-Gvir eigentlich nur ausspricht, was während des Gaza-Krieges von Israel an der Tagesordnung war:

Zumal die Frage ist, warum die Aufregung über Ben-Gvirs Worte eigentlich so groß ist, aber nicht die über die ganz realen Taten von Israels Regierung und Armee. In Gaza wurden in den ersten zwei Kriegsjahren mehr als 70.000 Palästinenser getötet, darunter allein 21.000 Kinder und Jugendliche. Es sind Zahlen, die man selbst in Israel inzwischen nicht mehr bestreitet. Mit anderen Worten: Israels Armee hat im Durchschnitt pro Tag ziemlich genau 30 Kinder und Jugendliche getötet, per se Unschuldige. Dazu kommen noch zahlreiche erwachsene Opfer, die mit der Hamas nichts zu tun hatten.

Komplett realitätsfremd hingegen ist die Einschätzung des Präsidenten der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) Volker Beck in der Jüdischen Allgemeinen, der Wochenzeitung des Zentralrats der Juden in Deutschland:

Aber: Diese Aussagen spiegeln nicht die Politik Israels wider. Denn Ben-Gvir ist zwar Mitglied des Sicherheitskabinetts des Staates Israel. Er hat aber in Gaza weder militärische noch exekutive Gewalt. Er ist dort Zuschauer und Kommentator. Und aktuell auch Wahlkämpfer einer Kleinpartei.

Ganz im Gegensatz dazu schreibt die israelischen Tageszeitung Haaretz:

Deutschland hat seinen israelischen Bösewicht gefunden. Wird es weiterhin die Realität ignorieren, die ihn hervorgebracht hat?

Es ist klar, dass man so eine Kritik weder von der DIG noch vom Zentralrat der Juden in Deutschland oder der selbst ernannten Pro-Israel Szene hören wird. Wer sich wirklich um die Situation in Israel kümmert, weil sie erdrückend und schockierend ist, seit Jahren, sind einige wenige linke Aktivist:innen, Autor:innen und Journalist:innen in Israel.

So heißt es weiter in dem Text von David Issacharoff:

Ben-Gvir mag zwar offen dazu aufrufen, täglich Dutzende Palästinenser zu töten. Doch die gesamte von Netanjahu geführte Regierung hat diese Rhetorik nach dem 7. Oktober in die Tat umgesetzt und sich für die Tötung von Zehntausenden sowie die Zerstörung des Gazastreifens bis auf die Grundmauern ausgesprochen. Acht Monate lang nach dem Angriff der Hamas gehörten zu dieser Regierung auch Benny Gantz und Netanjahus derzeitiger Hauptkonkurrent, Gadi Eisenkot, der schließlich zurücktrat, weil Netanjahu es seiner Meinung nach versäumt hatte, ein konkretes Nachkriegsziel für den Gazastreifen zu formulieren. Er verließ die Regierung sicherlich nicht aus Protest gegen die wahllose Tötung von Palästinensern.

Ganz ähnlich schrieb kurz zuvor Ben Samuels ebenfalls in der Haaretz über das intellektuelle Versagen weiter Teile des amerikanisch-jüdischen Establishments, dem er vorwirft,

ein Israel zu verteidigen, das es längst nicht mehr gibt.

Dabei kritisiert Samuels eine ganz typische und reduktionistische Stellungnahme des American Jewish Committee (AJC) zu den rassistischen und menschenverachtenden Aussagen von Ben-Gvir.

Ben-Gvir ist kein x-beliebiger Hinterbänkler, Randaktivist oder chronischer Online-Troll. Er ist der Minister, der für das israelische Polizei- und Strafvollzugssystem zuständig ist. Er sitzt im Kabinett und übt großen Einfluss sowohl auf die israelische Politik als auch auf Ministerpräsident Benjamin Netanjahu aus. Zu behaupten, seine Ansichten spiegelten in keiner Weise die der israelischen Regierung wider, zeugt von einer vorsätzlichen Ignoranz gegenüber der israelischen Politik selbst und dem Wesen der heutigen israelischen Gesellschaft.

Das steht in krassem Kontrast zu einem nationalistischen und anti-palästinensischen Text in der Times of Israel (TOI), die in den letzten Jahren auch deutlich nach rechts gerückt ist. In dem von der Redaktion der TOI promoteten Text von Eitan Chikli vom 11. August 2026 wird vor Gadi Eisenkot gewarnt – nicht weil er wie die Haaretz zu Recht betont, an der Tötung von vielen Tausenden unbewaffneten Zivilist:innen in Gaza als Teil des Kriegsministeriums politisch und juristisch mitverantwortlich ist, sondern weil er viel zu lasch sei und Palästinenser:innen zumal aus dem Westjordanland mehr Arbeitserlaubnisse geben möchte.

Wer sich Jahrzehnte für den Zionismus und für Israel wissenschaftlich, intellektuell wie aktivistisch eingesetzt hat, kriegt eben die Vollkrise, wenn man sich mit der israelischen Realität beschäftigt.

Natürlich ist der Unterschied ums Ganze, dass andere rechtsextreme Regierungen weltweit oder islamistische oder andere autoritäre Regime nicht annähernd die Aufmerksamkeit bekommen, wie Israel. Wer sorgt sich schon um Rassismus und Technofaschismus in China, um antisemitische Soldaten und Würdigungen von Nazi-Kollaborateuren oder den antirussischen Drohnenkrieg in der Ukraine – während rechtsextreme Vordenker großrussischer Träume (Dugin) und die brutale russische Version des Drohnen- und sonstigen Krieges sehr wohl und zu Recht kritisiert werden – oder wer hat auch ne kleine Ahnung von antidemokratischen Parteien und Tendenzen in weiten Teilen Afrikas oder Lateinamerikas?

Siehste. Israel ist seit 1948 weltweit im Fokus, vielfach aus antisemitischen Motiven heraus. Aber hier und heute eben nicht nur aus antisemitischen Motiven, sondern im Gegenteil auch aus zionistischer Perspektive heraus.

Israel ist hier und heute völlig zu Recht im Fokus, wenn es darum geht, eine Demokratie mit ihren Fehlern und auch mit ihren Kriegsverbrechen zu konfrontieren.

Israel ist durch die präzedenzlosen islamistischen Massaker der Hamas, des Islamischen Jihad und der Palästinenser vom 7. Oktober tief traumatisiert.

Doch seine Reaktion im Gazakrieg sprengte nach wenigen Wochen alle Relationen und zerstörte buchstäblich nahezu alle Gebäude und Infrastruktur und tötete Zehntausende Unschuldige.

Ben Samuels beendet seinen Text, der den paar wenigen Linkszionist:innen, die es weltweit noch gibt, aus dem Herzen spricht:

Das American Jewish Committee (AJC) kann jedoch nicht jede hässliche Ausprägung der israelischen Politik als etwas abtun, das irgendwie außerhalb der Realitäten Israels selbst liegt. Wir haben den Punkt längst hinter uns, an dem die Behauptung, Ben-Gvir sage nichts über die Regierung aus, noch einer Verteidigung Israels gleichkam. Es sieht zunehmend eher so aus, als weigere man sich, tatsächlich hinzuschauen, was aus Israel geworden ist.

Natürlich lacht die mainstreamig-reaktionäre und im Kern anti-israelische Pro-Israel-Szene in Deutschland, Österreich oder den USA, Frankreich und England darüber herzhaft, sie teilen großteils den weltweiten neuen Autoritarismus.

Ohne eine Aufarbeitung der Kriegsverbrechen der israelischen Armee IDF im Gaza-Krieg (und im Libanon-Krieg btw) wird es niemals Frieden geben, sowenig es jemals Frieden geben wird, wenn die Araber Israel nicht anerkennen und aktiv gegen den muslimischen und säkular-arabischen antizionistischen Antisemitismus vorgehen.

Und das ist die Ironie unserer Tage schlechthin: es ist aktuell fast wahrscheinlicher, dass ein Terrorstaat wie Saudi-Arabien, der Frauen wie Müllsäcke behandelt und Oppositionelle steinigt, Homosexuelle ermordet und Dieben die Hände abhackt, Israel anerkennt und gegen den antisemitischen Jihad vorgeht als dass Israel gegen den jüdischen Terrorismus im Westjordanland aktiv wird und den Palästinenser:innen ihren Staat ermöglicht, wie von der UN Resolution 181 am 29. November 1947 verkündet.

David Issacharoff bringt es in seinem Text vom 20. August 2026 auf den Punkt:

Die Bestrafung eines bequemen Bösewichts allein wird Israel nicht verändern. Tatsächlich könnte es sogar das Gegenteil bewirken: Es könnte Ben-Gvirs Image als Israels einsamer Kämpfer stärken, während er in einem Land, das von Tag zu Tag extremer wird, zunehmend zum Mainstream wird.

Die Haaretz und selbst manche Autorinnen vom Spiegel oder gar das Satiremagazin Postillon haben das erkannt, aber die deutsche Bundesregierung, die DIG, das AJC und andere jüdische Organisationen in den USA und der Zentralrat der Juden in Deutschland ohnehin werden noch Jahrzehnte brauchen, um zu solchen Erkenntnissen zu gelangen. Zu spät für die Palästinenser:innen und zu spät für die Rettung dessen, was 1947 als zionistische Idee von Israel einmal existierte.

2023 gab es Massenproteste gegen die bis heute geplante Justizreform in Israel. Hunderttausende demonstrierten an Samstagen und anderen Tagen. Und das von Januar bis September 2023, jede Woche. Wenn jetzt ein Fascho wie Ben-Gvir, israelischer Minister, offen davon spricht, täglich 30 bis 40 Palästinenser:innen in Gaza einfach abzuschießen, gibt es keine Proteste. Das sagt uns eigentlich alles über die politische Kultur in Israel.

Sicher, es gibt die Haaretz. Und es gibt zionistische Forscher:innen, Autor:innen sowie NGOs, die für ein demokratisches Israel kämpfen. Aber das sind mini-kleine Kreise, mit denen man gemütlich Latkes oder Sufganiot essen kann am Shabbes-Ausgang Samstag Nacht – aber sie sind zu wenige, um Israel vor sich selbst und vor seinen selbsternannten Freund:innen zu retten.

 

Jetzt lieferbar: Woke Zionism

Liebe Leserinnen und Leser, Freundinnen und Freunde,

die aktuellen Entwicklungen in Israel zeigen einen tief verwurzelten Rassismus, der mit der ursprünglichen Idee des Zionismus nichts mehr zu tun hat. Der Journalist Ben Samuels hat das in der Haaretz vor wenigen Tagen angesichts einer verkürzten Stellungnahme des American Jewish Committe aus den USA bezüglich der jüngsten Äußerungen des Faschos und israelischen Ministers für nationale Sicherheit Ben Gvir auf den Punkt gebracht:

They cannot, however, dismiss every ugly manifestation of Israeli politics as somehow beyond the realities of Israel itself. We are long past the point when insisting that Ben-Gvir tells us nothing about the government amounts to a defense of Israel. Increasingly, it looks more like a refusal to actually look at what Israel has become.

Das macht die Publikation Woke Zionism umso notwendiger und aktueller!

Also: unser neues Buch ist ab sofort lieferbar:

Clemens Heni/Dietrich Dancker (eds.):

Woke Zionism

Vol. 1

 

186 pages |20 € | Paperback with flaps | 17 x 24 cm | Bibliography | Index |

| About the authors and editors | Abstracts in German |

ISBN 978-3-946193-46-3 (Print)
ISBN 978-3-946193-47-0 (E-Book)

The Berlin International Center for the Study of Antisemitism (BICSA) / Middle East Studies, Vol. 8, Studien zum Nahen Osten, Band 8

Das Buch ist in jedem Buchladen bestellbar.

Oder aber direkt in unserem Shop.

Oder als gedrucktes Buch sowie als E-Book via Amazon.

The unprecedented crimes of Oct. 7, when Muslim and Palestinian men butchered, gang raped, tortured, burned alive, shot 1200 Jewish women, men, children, babies and Holocaust survivors and other nationals and abducted 251 Jews and others to Gaza, were the worst crimes against the Jewish people since the Shoah.

Today we see an equally unprecedented wave of antisemitism and Jew hatred around the globe. Calls for killing Zionists appear on posters, stickers and are slogans like in Berlin, Naples, Paris, Madrid, London or New York City, to name but big European and American cities.

This books wants to give left-of center, left-wing and woke Zionists a public voice: Fighting antisemitism, including Islamism and secular anti-Zionism, while pursuing peace in the Middle East, against Jewish supremacism, racism, the occupation, war crimes during the War in Gaza and ultra-nationalism.

Zionism is not a given. We have to fight for its future in a democratic and Jewish state of Israel, alongside a future Palestinian state, as Resolution 181 from November 29, 1947 stated.

AUTHORS IN THIS VOLUME:

VERENA E. BRUNSCHWEIGER
IVOR CHIPKIN
DIETRICH DANCKER
EVALOTTA FLÖTTMANN
DANIEL GOLDMAN
ULRICH GUTMAIR
CLEMENS HENI
EVA ILLOUZ
IRIT LAHAV
MONTY OTT
ASSAF SHARON
J.M.SORRELL
EINAT WILF

 

 

 

 

Ist Israels und Amerikas Niederlage gegen den Iran auch eine Chance – für Diplomatie und woken Zionismus?

Von Dr. phil. Clemens Heni, Direktor, The Berlin International Center for the Study of Antisemitism (BICSA)

Womöglich ist die klare Niederlage Israels und der USA gegen das islamistische Terrorregime in Teheran auch eine Chance. Eine Chance, dass Israel und auch die USA erkennen, dass man mit Gewalt oft gar nichts erreicht und Terrorstaaten mit Angriffen sogar noch stärkt. Die grundlegende Frage ist: Wird Herzl gegen Rav Kook gewinnen? Was ist woker Zionismus? Das sind die Fragen der Zukunft schlechthin, wenn man am Überleben Israels interessiert ist

Die Niederlage der USA und Israels gegen das islamfaschistische Regime in Teheran

Wer sind die größten Verlierer des Iran-Krieges? Die Menschen im Iran, jedenfalls die anti-islamistischen, die vermutlich die Mehrheit ausmachen. Sie wurden von Anfang an im Stich gelassen und die ca. 35.000 massakrierten Demonstrant:innen von Januar 2026, die einfach von den Muslimfaschisten des Mullah-Regimes hingemetzelt wurden, waren kein Grund für den Krieg.

Im Gegenteil: dieser wahnwitzig irrationale Krieg führt jetzt dazu, dass der Iran 300 Milliarden US-Dollar an Wiederaufbauhilfe bekommen wird, von den USA und arabischen Staaten, wenn er die Straße von Hormus wieder öffnet und sagt, keine Atomwaffen haben zu wollen. Das jedoch hatte der Iran auch davor schon gesagt beziehungsweise nie gesagt, dass sie sie wollen, auch wenn sie offenkundig daran arbeiten und gearbeitet haben. Jetzt weiß der Iran, dass er von der größten Militärmacht der Erde nicht besiegt werden kann. Wie konnte man so dermaßen blöd sein, und diesen Krieg beginnen, wissend, dass man dieses riesige Land mit 90 Millionen Einwohner:innen und im Gebirge versteckten Tausenden Raketen, nicht einfach so besiegen kann? Wie konnte die Pro-Israel-Szene so fanatisiert werden, um diesen Krieg zu loben und preisen?

Die Straße von Hormus war am 27. Februar 2026 locker befahrbar per Schiff, wenn man ein Anhänger der Erdöl basierten Weltwirtschaft und des fossilen Wahns ist. Tausende Tote und Hunderte Milliarden später wird sie jetzt vermutlich wieder offen sein, allerdings immer mit der Option, dass der Iran Gebühren verlangt oder Schiffen verweigert, durchzufahren. Ein geniales Ergebnis der amerikanischen und israelischen Kriegsführung.

Und vor allem ein Schlag ins Gesicht der anti-islamistischen Opposition im Iran.

Aber auch ein Schlag ins Gesicht der israelischen Armee IDF und ihrer Luftwaffe, der IAF. Sie haben völlig versagt und kein einziges Ziel erreicht, im Gegenteil: der Iran ist stärker als zuvor und das massiv.

Die Times of Israel (TOI) berichtet am 18. Juni 2026 über die vorzeitige Unterzeichnung des Abkommens am Mittwoch in Versailles durch Trump und in Teheran durch den Präsidenten Masoud Pezeshkian.

Israel und die USA haben kein einziges ihrer Ziele erreicht: die verbliebenden ballistischen Raketen des Iran bleiben unangetastet, dabei haben sie während des Krieges zu den vermutlich am längsten andauernden Bunker- und Schutzraumaufenthalten der isaelischen Bevölkerung geführt, es gab massive Schäden in Israel an Gebäuden und Infrastruktur und Dutzende Menschen wurden getötet.

Der Iran verpflichtet sich zwar jetzt wiederum, keine Atomwaffen zu entwickeln, was er schon 2015 bei dem vom damaligen US-Präsidenten Obama und der EU ausgehandelten und unterstützten Atomabkommen getan hatte. Schließlich wird der Iran viele Milliarden an eingefrorenen Geldern erhalten, ab sofort, auch das war 2015 ein Teil des Abkommens, die Lockerung von Sanktionen und das Freieisen von Geldern, einem Abkommen, das Trump bekanntlich in seiner ersten Amtszeit kündigte. Jetzt gibt es ein vermutlich schlechteres Abkommen und der Iran ist gestärkt.

Neben der Hoffnung auf Demokratie in Nahost, auf ein Ende der arabischen Regime sowie des islamistischen Regimes in Teheran, eine Hoffnung, die durch diesen irrationalen, völkerrechtswidrigen und sinnfreien Krieg in weite Ferne rückte, ist die Kernfrage in Nahost jene über Israels Zukunft und somit auch die Zukunft Palästinas.

Der Kolumnist der Haaretz Gideon Levy bringt es am 18. Juni 2026 auf den Punkt:

Die Tatsache, dass Israel größenwahnsinnig ist, bedeutet nicht, dass es in der Lage ist, sich gemäß seinen größenwahnsinnigen Maßstäben zu verhalten und zu glauben, dass Bombenangriffe im Nahen und Fernen tatsächlich seinen Interessen dienen würde. Was uns im Iran widerfahren ist, ist keine Katastrophe, sondern eine Chance. Wir haben der Wahrheit direkt in die Augen gesehen – und sie hat ihren Blick gesenkt. Jetzt sind wir an der Reihe, unseren Blick zu senken.

(Alle Übersetzungen aus dem Englischen in diesem Text von CH)

Levy fordert einen kompletten Rückzug der israelischen Armee aus dem Libanon. Er möchte, dass die IDF endlich erkennt, dass weder die Hisbollah noch die Hamas militärisch zu besiegen sind – was Terrorexperten von Anfang sagten, by the way, aber Netanyahu und seine rechtsextreme Bande leben von Gewalt und Krieg, das ist ihr Lebensinhalt geworden und nicht nur, aber vor allem Channel 14, der extrem rechte Fernseh-Propagandasender in Israel, unterstützt die Regierung dabei.

Im Januar 2025 publizierte die Los Angeles Times einen analytischen Artikel, der exakt diese Sinnlosigkeit des israelischen Anti-Terrorkrieges bloßstellt, und das aus einer anti-islamistischen Position heraus:

Wie immer ist Krieg – und insbesondere ein Antiterrorkrieg – Politik mit anderen Mitteln. Israels Militäroperation ist zwar taktisch beeindruckend, stützt sich jedoch ausschließlich auf die militärischen Aspekte des Konflikts. Dabei vernachlässigt es völlig die politische Komponente und verurteilt künftige Generationen auf allen Seiten zum gleichen Schicksal – dem ewigen Krieg.

Und dieser „ewige Krieg“ ist der einzige Lebensinhalt von Benjamin Netanyahu und seiner Clique. Ewiger Krieg gegen woke und den linken Zionismus sowie die unabhängige Gerichtsbarkeit und die Gewaltenteilung, also ewiger neu-rechter Krieg im Innern. Und ewiger Krieg gegen die Feinde draußen, Hamas (super erfolgreicher Krieg, Zehntausende Tote und sie herrscht weiterhin in Gaza!), Hisbollah, Iran, Houthis, Syrien etc.

Und die Pro-Israel-Szene schweigt dazu und kapiert wirklich überhaupt nicht, dass dieser ewige Krieg das Kernproblem ist und nicht der schon immer vorhandene Antisemitismus und der Israelhass, die man eindämmen kann, wie die Friedensabkommen mit Ägypten und Jordanien und sogar die Abraham Verträge zeigen. Aber in den USA kapieren es jüdische Linkszionist:innen sehr wohl, wie wir noch sehen werden. Es bewegt sich was im Pro-Israel Lager – nur der Stillstand in Deutschland und Österreich ist politisch erschütternd und intellektuell desaströs.

Gideon Levy, einer der erfahrensten und ältesten Kolumnisten der Haaretz, sieht glasklar, dass selbst oder gerade die Opposition sich nicht kritisch mit sinnlosen Kriegen der IDF befassen wird, sondern nur proklamiert, wie immer, dass sie es besser könnten als Netanyahu. Von Gadi Eisenkot, der aktuell wohl die größten Chancen hat, Netanyahu zu beerben, wenn es zu Wahlen bis spätestens dem 27. Oktober 2026 kommt, ehemaliger Generalstabschef der IDF, ist keine Selbstkritik der IDF zu erwarten.

Und die extremen Rechten verharmlosen die Shoah und lamentieren angesichts des „Iran-Deals“, so analysiert es Gideon Levy in seinem Text:

Das Gerede, von rechts und von „links“ (Premierminister Benjamin Netanjahu nicht mitgerechnet) über eine israelische Niederlage, geht nun so: Der Kriegsausgang sei eine diplomatische Katastrophe, Trump habe uns den Rücken zugekehrt und Steven Witkoff sei ein „Jewboy“. Die Nation beklagt eine Katastrophe, eine Niederlage und einen Beinahe-Holocaust.
Die Bennetts mischen sich sofort ein und versprechen Abhilfe. Sie werden die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten wiederherstellen und Israel zurück auf die Schlachtfelder bringen, um die Sache zu Ende zu bringen. Das ist ihr einziges Versprechen an einem besonders vielversprechenden Tag.
Aber es ist weder eine Katastrophe noch ein Holocaust.

Zu einer zumindest ansatzweise tiefergehenden Analyse des Konflikts zwischen Rechten und Linken, Religiösen und Säkularen, müssen wir etwas tiefer schürfen und gut 100 bis 130 Jahre zurückgehen.

Theodor Herzl oder Rav Kook? Zionismus oder jüdische Religion?

Dabei ist die Sache eigentlich denkbar einfach: Theodor Herzl muss gegen Rav Kook gewinnen. Das ist die These des Publizisten und Rabbiners Philip Graubart aus Kalifornien in einem Text von 2025.

Theodor Herzl kämpfte gegen den Antisemitismus und sah im Antisemitismus die größte Gefahr für die Juden. Nur ein eigener Staat könne die Juden retten – und zwar gleich auf doppelte Weise. Erstens jene Juden, die den neuen Staat der Juden aufbauen und zweitens jene Juden, die zum Beispiel in Europa verbleiben würden, aber nicht mehr antisemitisch attackiert würden, sie wären nicht wirklich staatstreu. Denn sie hätten sich ja als Juden gegen ein Leben im Judenstaat und für ein Leben in der Diaspora entschieden. Damit lag Herzl offenkundig völlig falsch. Es ist heute eine der häufigsten antisemitischen Erscheinungen, Juden in der Diaspora unumwunden mit allen was die israelische Regierung tut, in eins zu setzen.

Aber völlig richtig und lebensentscheidend für das Judentum weltweit war sein Eintreten für die Gründung des Judenstaates. Ihm war es anfangs auch egal, ob dieser Staat in Argentinien, Uganda oder Palästina errichtet wird. Religion spielte für Herzl keine Rolle.

Ganz anders hingegen Rav Abraham Isaac Kook (1865-1935), der Vorbeter und Vordenker der heutigen religiösen Zionist:innen, die gleichwohl, einem Bonmot des israelischen Zionisten und Publizisten Daniel Goldman zufolge, meistens weder religiös noch zionistisch sind. Kook jedenfalls war extrem religiös geprägt.

Graubart legt dar, warum es Zionist:innen um Tel Aviv geht und nicht um Jericho, Hebron oder Nablus:

Verglichen mit Herzl, könnten Rav Kooks Ziele und Visionen unterschiedlicher nicht sein. Für Kook war das zentrale Problem gerade nicht der Antisemitismus, sondern das blasse, schwache Judentum der Diaspora. „Abgesehen von der Nahrung, die es aus dem lebensspendenden Tau der Heiligkeit von Eretz Yisrael erhält“, schrieb er etwa zehn Jahre nach Herzls Text, „hat das Judentum in der Diaspora keine wirkliche Grundlage und lebt nur durch die Kraft einer Vision und durch die Erinnerung an unseren Ruhm.“

Ein Leben außerhalb Israels biete lediglich eine Art Halbleben. „Juden können in der Diaspora unseren eigenen Ideen, Gefühlen und Vorstellungen nicht so treu und ergeben sein wie in Eretz Yisrael.“ Das Land Israel ist für Kook kein Weg zur Erlösung; es ist „die Erlösung selbst“, wo „alle göttlichen Gebote in ihrer vollkommenen Form verwirklicht werden“.

Wie Herzl spürt er eine fatale Schwäche in der Diaspora, kommt jedoch zu einer gänzlich anderen Diagnose. Für Herzl ist das Problem der Antisemitismus. Für Rav Kook ist es das Exil, das die jüdische Spiritualität langsam vergifte.

Wer das liest, erkennt wie wichtig der Zionismus gerade für den Kampf gegen den Antisemitismus ist, auch wenn Herzl falsch lag mit seiner Hypothese, dass er mit dem Aufkommen des Judenstaates verschwände. Doch heute geht es gerade liberalen Zionist:innen in den USA darum, eine starke jüdische Community in der Diaspora zu haben und gleichzeitig Israel zu unterstützen. Die Religiösen suchen nur ihr persönliches Erlebnis in dem von ihnen so genannten ‚Heiligen Land‘. Das macht die Religiösen so gefährlich, sie glauben, dass Israel ohne das Westjordanland gar nicht existieren könne, es sei ihr Auftrag, dieses Land zu besiedeln. Und das ist für Israel suizidal und für Palästinener:innen mörderisch.

Religiöser Fanatismus, Teil 1: Rav Kooks Sohn gegen die Zweistaatenlösung, 1948

Dieser religiöse Fanatismus, diese Reduktion von Juden auf Religion, war dann auch Kernbestandteil der Ideologie von Rav Kooks Sohn, wie Graubart herausarbeitet:

Im Gegensatz zu Herzl legt Rav Kook kein konkretes Programm vor, und in seinen Schriften finden sich keine Erwähnungen von Großmächten oder diplomatischen Bemühungen. Doch die Erhabenheit seiner Sprache und seine poetische Leidenschaft fesseln die Leser damals wie heute mit einem einzigen Gebot: Besiedelt das Land.

Für Rav Kook bedeutete das nicht Tel Aviv oder einen säkularen Kibbuz am Küstenstreifen. Es bedeutete das biblische Israel – Jerusalem und das Bergland von Judäa und Samaria.

Tatsächlich trauerte der zweite Rav Kook – Rav Kooks Sohn – bekanntlich im Jahr 1948, als Israel sich innerhalb der Grenzen des UN-Teilungsplans zum Staat erklärte. Zu diesem Zeitpunkt war der erste Rav Kook bereits verstorben und überließ es seinem Sohn, auszurufen: „Sie haben mein Land geteilt! Wo ist unser Hebron – haben wir es vergessen? Wo ist unser Sichem [Nablus] – haben wir es vergessen? Wo ist unser Jericho – haben wir es vergessen?“ 

Vor diesem Hintergrund ist es bezeichnend für unsere in den Autoritarismus und den religiösen Wahn verfallende Welt, dass bei der Fußball-Weltmeisterschaft ausgerechnet junge Deutsche ihren primitiven Christuskult ausleben – auf dem Platz mit Gebeten vor Millionen von Zuschauer:innen – und zugleich der Islamismus und die Kopftuchdichte zunehmen, aber ebenso stark auch der jüdische religiöse Fundamentalismus wie in Israel und in der Diaspora.

Religionskritik jedoch war noch immer die erste und wichtigste aller Kritiken.

Religiöser Fanatismus, Teil 2 – Die ARD und Tuvia Tenenbom gegen die Zweistaatenlösung?

Kürzlich sprach der jüdische Publizist Tuvia Tenenbom in Heidelberg am Deutsch-Amerikanischen Institut (DAI), dem Kulturzentrum der ‚Neckarperle‘, einer Stadt, die seinerzeit Clemens Brentano und Achim von Arnim zu antisemitischen Gedichten animierte und wo heute die AfD gegen geplante oder jedenfalls zur Diskussion stehende Windkrafträder mobil macht, weil dann ja der idyllische Blick auf den Odenwald und das zerstörte Heidelberger Schloss, die Scheffelterrasse sowie die Alte Brücke, den Brentano und Arnim liebten und unzählige Burschenschaftler bis heute so genießen, getrübt werde.

Wenige Tage zuvor zeigte ein Titel Thesen Temperamente (TTT-) Fernsehbeitrag mit Tenenbom, was er so denkt. Da sagt er, dass in der Bibel 80-90 Prozent der jüdischen Geschichte sich abspiele, wo heute die palästinensische Westbank oder in der religiös-jüdisch-nationalistischen Sprache Judea und Samaria liegen.

Das ist neu-rechte Ideologie, weil es im Zionismus überhaupt nicht um die Bibel geht.

Diese Verknüpfung von Israel und der Bibel in der ARD zu sehen, ist grotesk. Womöglich wollte der laut Wikipedia (und ohne Quellenangabe) einst zum Elektriker ausgebildete und spätere Konkret-Autor Rayk Wieland, der für den TTT-Bericht mit Tenenbom redaktionell mitverantwortlich ist (jedenfalls ein Rayk Wieland, ob es dieser Rayk Wieland ist, ist nicht sicher, aber wahrscheinlich), einfach eine Satire machen, wie es die Titanic gerne tut, die Tenenbom für bare Münze hält?

Wohl kaum, denn dieses minutenlange Gerede über das Westjordanland und die Siedler, die angeblich ach-so-dermaßen vielfältig seien – das ist eine der Neuen Rechten in Israel und hierzulande in die Hände spielende Argumentation. Das Thema Siedler ist dermaßen existentiell für die Palästinenser und für das Überleben der Juden in Nahost, dass man damit keine Spielchen treiben kann.

Und Tenenbom meint es bitter ernst und sagt völlig ernsthaft, dass die Teilung des Landes, wie sie die UN vorschlägt – damit spielt er unzweideutig auf die UN Resolution 181 vom 29. November 1947 an, die von den Holocaustüberlebenden und allen anderen Jüdinnen und Juden damals ekstatisch gefeiert wurde – niemals gehen würde.

Dann bemüht er ein Bild – und die ARD ist sich nicht zu blöde, filmt und sendet das auch noch -, das absurder nicht sein könnte. Die Zweistaatenlösung sei wie ein Glas mit Wasser oder Cola gefüllt, das man in zwei Teile zerschneide und dann könne ja weder die eine noch die andere Partei daraus trinken.

So etwas sendet die ARD ernsthaft und Tenenbom meint das völlig ernst. Oder war es doch als Satire gemeint und Tenenbom und die Zuschauer:innen haben die Satire und die Verarschung Tenenboms durch die ARD nicht geschnallt?

Der Enthusiasmus vieler aus der Pro-Israel Szene in den (a-)sozialen Medien schon bei der Ankündigung der Veranstaltung von Tenenbom in Heidelberg spricht dafür, dass die das ernst meinen mit dem Abfeiern von Tenenbom und seiner Anti-Zweistaatenlösungs-These.

Dass auch noch Suhrkamp ein solches Buch über die Siedler von Tenenbom publiziert, macht den Skandal perfekt. Man sieht in dem TTT-Beitrag, dass er eben raunt, es gebe rassistische Siedler und nicht-rassistische Sielder, rassistische Palästinenser und nicht-rassistische Palästinenser. Dass wir es seit Jahren mit einem jüdischen Terrorismus gegen Palästinenser:innen im Westjordanland zu tun haben (der ehemalige israelische Premierminister Ehud Olmert spricht am 18. Juni 2026 von staatlich unterstütztem Terror und „ethnischer Säuberung“ im Westjordanland von Israelis gegen Palästinenser:innen) und dass Israel dort herrscht und nicht die Palästinenser, das verschwindet dann im Orkus des Geschwätzes oder der äquidistanten Schwurbelei. Alle Menschen können mal gut oder manchmal auch böse sein, so seien sie halt die Menschen, ja so sei der Mensch an und für sich, das ist der Tenor. Eine gezielte Entpolitisierung des jüdischen Terrors, dem sich die Palästinenser:innen seit Jahren und verschärft nach dem 7. Oktober 2023 gegenübersehen.

Also noch einmal zum Mitschreiben: Ob in der Bibel 80 oder 90 Prozent der Märchen oder Erzählungen oder Geschichten im Westjordanland spielen oder nicht, ist für die Entstehung und Entwicklung des Zionismus komplett irrelevant.

Das ist die Pointe: die Bibel und Religion allgemein sind völlig ohne Bedeutung für den ursprünglichen Zionismus wie von Herzl und den 1948 gegründete Staat Israel, wo es dann einen Kompromiss gab zwischen den Religiösen und den Säkularen, aber bestimmend waren die Ben-Gurions, Sozialist:innen und Zionist:innen.

Warum? Weil es dem Zionismus von Herzl, und das ist der maßgebliche Zionismus bis heute, um ein selbstbestimmtes, sicheres und freies Leben der Juden und Jüdinnen geht. In „Der Judenstaat“ taucht das Wort Religion überhaupt nicht auf. Daher ja die Attacke von Rav Kook auf Herzl.

Wenn man sich dann anschaut, wie altbacken und irrelevant die herkömmliche Antisemitismusforschung und Pro-Israel-Szene arbeitet und was sie publiziert, merkt man: die leben in einer anderen Welt, die merken gar nicht, was passiert. Warum? Darum: Israel ist aktuell so isoliert wie vermutlich noch seit der Staatsgründung im Mai 1948. Es gibt eine Vielzahl an Büchern die letzten Jahre, allein nach dem 7. Oktober, zum Antisemitismus. Aber fast alle Beiträge erzählen die immer gleiche Geschichte: Israel ist bedroht und der linke und islamistische Antisemitismus – manchmal wird auch noch der rechtsextreme Antisemitismus und der mainstreamige erwähnt – sind die größte Gefahr für Juden.

Dass die allergrößte Gefahr für Israel von Israel selbst ausgeht, wird wirklich von keinem einzigen dieser typischen Autorinnen und Autoren thematisiert. Wer also wissen möchte, wie es um Israel steht, sollte nicht solche deutschen Bücher lesen, sondern zum Beispiel die Haaretz oder mit linken Freund:innen in Israel reden. Da gibt es dann Erkenntnisse, die man bei links- wie rechtsantideutschen Autor:innen und allen anderen aus der Mainstream Pro-Israel-Szene in Deutschland oder Österreich vergeblich sucht.

Die SPD, Adis Ahmetovic und Israel

Nach dem nie dagewesenen Massaker an Jüdinnen und Juden durch Palästinenser am 7. Oktober 2023 stellten sich sehr viele Politiker:innen auch in Deutschland hinter Israel. Einer von ihnen war der heutige außenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion Adis Ahmetovic. Der Tagesspiegel berichtete am 3. November 2023:

Wie Beobachter dem Tagesspiegel berichteten, wurde neben Ex-CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet zuletzt auch der SPD-Bundestagsabgeordnete Adis Ahmetovic bedroht. Vor allem auf dessen Instagram-Seite riefen Hamas-Sympathisanten dazu auf, den 30-jährigen Sozialdemokraten aus Niedersachsen unter Druck zu setzen. Man müsse Ahmetovic „hängen“, lautete eine Forderung.

Adis Ahmetovic hatte sich unzweideutig hinter Israel gestellt und die Massaker der Hamas, des Islamischen Jihad und der Palästinenser verurteilt.

Was schreibt nun die Jüdische Allgemeine am 2. Juni 2026?

Der außenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Adis Ahmetović, hat vor wenigen Stunden ein neues Video und einen begleitenden Text zur Lage im Nahen Osten veröffentlicht. Darin macht er keinen Hehl daraus, wen er zum Hauptverantwortlichen für nahezu sämtliche Probleme, Konflikte und Krisen der Region erklärt: den jüdischen Staat.

Hamas? Keine Erwähnung. Hisbollah? Keine Erwähnung.

Der Autor dieses Anti-Ahmetovic Pamphlets ist Sacha Stawski. Ich kenne Sacha seit 2002, als wir beide mit vielen anderen Teil dessen waren, was man die neue Pro-Israel-Szene nennt. Sacha Stawski hat unter anderem die Vereine „I Like Israel“ (ILI) sowie „Honestly Concerned“ mitgegründet, ILI veranstaltet seit 2003 „Israeltage“, Konferenzen, Seminare und vieles mehr. Das ist wichtige pro-israelische und gegen den Antisemitismus gerichtete Arbeit. Gleichwohl: Ich habe mich zum Beispiel 2018 auch kritisch mit I Like Israel auseinandergesetzt („Was hat der rechtsextreme Mord am Vorsitzenden der sozialistischen Partei Japans mit dem Israelkongress in Frankfurt am Main zu tun?“).

Schon damals erkannte ich den gewissen Rechtsdrall bei dieser Art von Veranstaltungen. Doch diese Attacke auf Ahmetovic ist schon ein starkes Stück, weil sie die Position des SPD-Politikers völlig falsch darstellt. Nur kurz zuvor, am 28. Mai 2026, sprachen der ZDF-Journalist Christian Sievers und die Journalistin Helene Reiner in einer Folge des ZDF Heute-Journal Podcasts auch mit Adis Ahmetovic (Min. 16:21 bis Min. 30:26, hier ab Min 21:35), der sagte:

Wir müssen uns davon lösen, Außenpolitik zu betrachten als ein Fußballspiel: Ich bin kein Fan davon zu sagen, ich bin Pro-Israel oder Pro-Palästina. Ich kann auch für beides sein! Und ich bin für beide Staaten. Ich bin für einen israelischen Staat, der in Sicherheit und Frieden leben kann und ich bin auch für einen palästinensischen Staat, der endlich in Selbstbestimmung, Frieden und Freiheit leben kann.

Hört sich so ein Politiker an, der raunen würde „an allem sind … “ die Juden schuld, wie die Jüdische Allgemeine insinuiert?

Vielmehr ist dieses Statement von Ahmetovic ein differenzierter Ausdruck einer pro-israelischen Haltung, die sich völlig bewusst ist, er und Sievers betonen das nachdrücklich, dass Deutschland aufgrund des Holocaust eine einzigartige Verantwortung für den Schutz jüdischen Lebens hat. Aber zugleich wird diese Position auch dadurch pro-israelisch, weil sie auch pro-palästinensisch ist. Das wird in dem Gespräch der drei Protagonist:innen in diesem Abschnitt des ZDF-Podcasts überdeutlich.

Adis Ahmetovic ist ein ganz mainstreamiger SPD-Politiker, mit dem man bei vielen Fragen wie der extremen Aufrüstung, die federführend durch SPD-‚Verteidigungsminister‘ Boris Pistorius durchgepeitscht wird, der Ukraine-Politik oder der Affirmation der kapitalistischen Vergesellschaftung und vielem mehr sicher völlig anderer Meinung sein sollte, wenn man ein Linker ist (auf unseren Demos haben wir in den 1990er Jahren immer bei entsprechenden Anlässen skandiert „Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten“, was neben Parolen wie „Hoch die internationale Solidarität“ und vor allem „nie, nie, nie wieder Deutschland“ für gute Stimmung sorgte), aber in puncto Israel sagt Ahmetovic sehr viel sehr Sinnvolles.

Dabei ergänzen sich zumal Sievers und Ahmetovic, auch da merkt man: das sind Menschen, Christian Sievers als einer der bekanntesten Journalisten des Landes, und der junge Ahmetovic, die sich wirklich um Israel sorgen und um den Nahen Osten insgesamt. Das sind keine Judith-Butlers im ZDF-Kostüm. Das sind seriöse Journalist:innen in diesem Teil des Podcasts bzw. Politiker, die sich ganz konkret fragen, wie man Israel und den Juden helfen kann. Und immer Antisemitismus zu schreien, wenn jemand die Politik und keineswegs den Staat Israel attackiert, das hilft nicht weiter. Ja das ist sogar eines der Kernprobleme, das wir haben.

Wie die Jüdische Allgemeine darauf kommen kann, einen Politiker wie Adis Ahmetovic, der wie zitiert 2023 wegen seiner Pro-Israel Haltung Morddrohungen aus dem Hamas-Lager bekam und den ich selbst 2023 in einem Text und unserem Buch „Am Israel Chai“ in Schutz genommen habe gegen die Hamas-Fans und gegen Morddrohungen der Antisemiten, dermaßen zu diffamieren und in die Anti-Israel und Anti-Juden-Ecke zu stellen, das ist vollkommen schleierhaft.

New York Times‘ Bericht über Vergewaltigungen in israelischen Gefängnissen

Wenn die New York Times über Vergewaltigungen von palästinensischen Gefangenen in israelischen Gefängnissen berichtet, ist der Aufschrei der israelischen Regierung groß, ja die israelische Regierung möchte die Zeitung verklagen.

Und so wie es unerträglich war und ist, wenn Gewalt gegen Frauen geleugnet oder heruntergespielt wurde, weil es jüdische Frauen waren – und es gefilmt worden war und es Bildmaterial gibt und Beweismittel ohne Ende, dass palästinensische Männer jüdische und israelische Frauen unschilderbar brutal vergewaltigten, massenvergewaltigten und massakrierten am 7. Oktober -, so schrecklich ist es, wenn auch auf einem anderen Niveau, weil diese Gefangenen nicht ermordet werden (wenngleich seit Oktober 2023 über 100 palästinensische Gefangene in Sicherheitsverwahrung in israelischen Gefängnissen starben, wegen schlechter oder fehlender Medikamente, kaum Nahrung, ohne Anklage und somit psychischer Verzweiflung, körperlicher Gewalt etc.), wenn jetzt und schon seit Jahren Israelis Palästinenser und Palästinenserinnen vergewaltigen und die Pro-Israel Szene schweigt häufig dazu und Israel attackiert den Journalisten, der das aufdeckt und übt keine Selbstkritik. Es muss juristisch aufgearbeitet werden, was in israelischen Gefängnissen passiert und die Täter zur Rechenschaft gezogen werden.

PEW-Umfrage: Israel komplett isoliert, weltweit

Die Diskussion über Israel in den USA wird mitentscheidend sein, wie es weiter geht mit dem einzigen Judenstaat. Und die Aussichten sind extrem düster. Eine aktuelle Umfrage des PEW Research Center hat ergeben, dass in fast jedem Land eine überwiegend negative Sicht auf Israel vorherrscht. Dabei wurden zwischen dem 8. Februar und 13. Mai 2026 gut 44.000 Personen in 36 Ländern befragt.

Das betrifft auch die USA, den einzigen wirklichen Alliierten Israels. 60 Prozent der Befragten haben mehr oder weniger starke negative Einstellungen zu Israel – in den USA. Das ist ein schockierender Wert.

Lediglich Länder wie Kenia, Nigeria oder Ghana haben eine positive Sicht auf Israel und die Juden. In Deutschland ist die negative Einschätzung zu Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu ohnehin vorherrschend, aber von 2025 bis 2026 stieg der Anteil jener, die ihn negativ sehen, sogar noch von 64 auf 73 Prozent. In Südkorea stieg der Wert derjenigen, die Netanyahu negativ sehen, von 60 auf 70 Prozent, in Australien von 74 auf 79 Prozent.

Man muss sich das mal vorstellen: in keinem einzigen der untersuchten europäischen Länder hat wenigstens eine Mehrheit der Befragten eine positive Sicht auf Israel. Die höchsten Zustimmungswerte zu Israel gibt es in Griechenland (30 Prozent) und Ungarn (32 Prozent), Deutschland hat 23 Prozent und Polen 15 Prozent der Bevölkerung, die Israel positiv sehen. Das zeigt, wie isoliert der einzige Judenstaat derzeit ist, wenn man Umfragen zur Hand nimmt. Die Politik agiert da noch weitgehend am Willen der Bevölkerung vorbei.

Das kann nicht nur am Antisemitismus der Befragten liegen, allein in den USA – wo nur noch 37 Prozent Israel positiv sehen, ändern sich antisemitische Ressentiments nicht in so kurzer Zeit. Laut einer anderen PEW-Umfrage in den USA von 2019 hatten damals 64 Prozent eine positive Sicht auf Israel. Heute sind es wie zitiert 37 Prozent, das ist ein dramatischer Vertrauensverlust, der primär der irrationalen und rechtsextremen Politik von Netanyahu und seiner Regierung sowie der Pro-Israel-Szene in den USA und anderswo zuzuschreiben ist.

In der empirischen Sozialforschung würde kein Mensch die Annahme teilen, dass in wenigen Jahren in einer Demokratie wie den USA (oder England, Frankreich, Deutschland etc.) fast die Hälfte der Bevölkerung oder noch weit mehr plötzlich zu Antisemiten wird. Sie haben keine positive Sicht mehr auf Israel und das liegt primär, wenn auch nicht ausschließlich, an der Politik sowie der Kriegsführung Israels im Gazakrieg (2023-2025) und im Irankrieg (2026).

Liberale Zionist:innen in den USA versus AIPAC

Es gibt daher zunehmend amerikanische Politiker:innen, jüdische amerikanische Politiker:innen, die sich offensiv von der sehr einflussreichen jüdischen Lobbyorganisation AIPAC (American Israel Public Affairs Committee) distanzieren, da diese Israels Politik unkritisch unterstützen würde. Von der Idee her ist AIPAC eine sogenannte bipartisan Einrichtung, bedient als sowohl das Lager der Republikaner, die zu den Hauptsponoren gehören, aber auch jenes der Demokraten.

Zwei aktuelle Beispiele sind Daniel Biss aus Chicago und Brad Lander aus New York City. Beide sind Politiker der Demokraten. Bliss ist der Enkel von Holocaustüberlebenden und sagt von sich, dass er die aktuelle Politik Israels vehement kritisiere, aber nicht anti-israelisch sei. So berichtet es Jonathan Mahler im New York Times Magazine am 12. Juni 2026. Noch bekannter dürfte auch hierzulande Brad Lander aus New York City sein, er trat dort letztes Jahr als Bürgermeisterschaftskandidat an und kandidiert jetzt für das Repräsentantenhaus bei der Wahl im November 2026 (Mid-Term Wahlen). Er sieht sich als liberalen oder linken, gar sozialistischen Zionisten. Er trat nach dem Massaker an Jüdinnen und Juden durch die Hamas und die Palästinenser vom 7. Oktober aus den Demokratischen Sozialisten von Amerika aus, weil diese das Massaker nicht verurteilt, sondern eher gefeiert hatten. Gleichwohl ist er ein Anhänger vom New Yorker Bürgermeister Mamdani, der weiterhin bei den Demokratischen Sozialisten ist. Doch Lander ist pro-israelisch. Aber eben wie so viele Demokrat:innen heute in den USA gegen Netanyahu, gegen die Politik Israels schon vor dem 7. Oktober wie der seit 2023 geplanten „Justizreform“, die sich gegen die Gewaltenteilung wendet.

Es ist genau das, worauf der nicht-jüdische Adis Ahmetovic aus Hannover im ZDF-Podcast hinweist: Wir müssen „Gleichzeitigkeiten“ aushalten lernen, wie er sagt. Gleichzeitig die Freundschaft zu Israel betonen und auch zu „leben“, wie es Sievers in dem Gespräch untermauert, und zugleich die extreme Politik der israelischen Regierung kritisieren, was Ahmetovic unterstreicht.

Wer sich dieses Gespräch von Sievers, Helene Reiner und Ahmetovic anhört, bekommt einen Eindruck davon, was man sehr wohl linken oder woken Zionismus nennen kann: Für Israel, gegen Antisemitismus und parallel dazu mit vehementer Kraft gegen Netanyahu, die aktuelle israelische Regierung, aber auch die israelische Armee (IDF). Die schockierenden Bilder, die der Faschist und Minister Ben Gvir von hinter dem Rücken mit Kabelbindern gefesselten Aktivist:innen auf ihren Schiffen im Mittelmeer postete und abfeierte, Menschen, denen die Augen verbunden wurden und die mit dem Gesicht auf dem Boden lagen und dazu die israelische Nationalhymne Hatikvah (Hoffnung) sich anhören mussten, diese Bilder wurden ja offenbar von der israelischen Armee gemacht, sie hat diese menschenverachtenden und kriminellen Szenen hergestellt.

Man muss wirklich keine Sekunde mit den Zielen dieser großteils antizionistischen Aktivist:innen übereinstimmen. Was man aber muss, ist, diese Menschen als Menschen zu behandeln. Und das hat die israelische Armee und das hat der Faschist Ben Gvir nicht getan. Und dafür müssen sie zur Rechenschaft gezogen werden. Sie haben diesen Menschen extrem geschadet und sie gewaltsam festgehalten und gedemütigt. Und sie haben den Zionismus massiv beschädigt, so wie der Krieg der IDF in Gaza wie im Iran auch den Zionismus extrem beschädigt hat.

Wenn die Jüdische Allgemeine schreibt, dass Ahmetovic von zu hohen Todeszahlen – 80.000 – spreche, so sollte sie sich mit den Fakten auseinandersetzen. 80.000 mag nicht korrekt sein, aber die Haaretz spricht auch von 73.000 bestätigten Toten in Gaza seit Oktober 2023 bis heute, hinzu kämen aber jene, die an Hunger, Verletzungen, Verzweiflung etc. starben, was Zehntausende sein können, so die Haaretz. Dann wären wir bei weit mehr als 80.000 toten Palästinenser:innen. Ahmetovic betont, dass 80 Prozent der Toten Zivilist:innen seien. Bei den Hamas-Kämpfern kann man natürlich nicht von „ermorden“ sprechen, das ist das Ausschalten eines Feindes, der einen selbst töten wollte. Aber es geht um die Unbewaffneten und um die Hungerpolitik bis heute.

Die links-liberale zionistische Organisation J Street sieht AIPAC als riesige Gefahr. AIPAC wird womöglich das jahrzehntelang aufgebaute pro-israelische Dach in den USA zum Einsturz bringen, weil es auf seiner extrem rechten Position verharre, damit beendet Jonathan Mahler seinen Artikel im New York Times Magazine.

Hoffnung auf Woken Zionismus?

Gibt es also gar keine positiven Aussichten? Doch die gibt es und sie heißen, wie bereits angedeutet:

Woker Zionismus

Woker Zionismus verbindet die beiden zentralen Emanzipationsversprechen der Neuzeit überhaupt. Er verbindet einerseits den Kampf gegen die bürgerliche Welt, den Kapitalismus und das Patriarchat, den Rassismus, Kolonialismus und Imperialismus sowie die Naturzerstörung und instrumentelle Vernunft und andererseits den Kampf gegen den Antisemitismus und für jüdische Souveränität in einem eigenen Staat.

Woke ist aber heute noch viel mehr. Die drei Mega-Krisen der letzten sechs Jahre – Corona – Ukraine – Israel/Nahost – zeigten, dass gerade die ach-so-aufgeklärten Woken häufig selbst das Problem sind. Entweder sie sind antisemitisch und gegen Israel oder sie sind autoritär und staatshörig und unterstützten die gesundheitsschädliche und demokratie- wie Public Health- feindliche Coronapolitik.

Da ist dann eine bolivianische kinderfreie Lesbe und prekär lebende Künstlerin, die während der wahnwitzig irrationalen Corona- und Lockdownpolitik sich hinter ihre Obdachlosen stellte, viel näher dran am woken Zionismus und der Kritik israelischer Public Health-Expert:innen als jene privilegiert lebenden Mittelstandskinder aus der Pro-Israel-Szene in Berlin, Hamburg oder Mannheim, die mit FFP2-Maske herumhampelten und ernsthaft meinten, nur Gefolgschaft gegenüber staatlichen Direktiven wäre echter Kampf gegen Antisemitismus, gerade in Doitschland. Da kann man nur lachen – aber die Jahre 2020 bis 2023 waren zu extrem, als dass wir damals hätten lachen können. Die Impf-Apartheid schloss uns ja ohnehin vom öffentlichen Leben komplett aus.

Es ist woke, gegen Rassismus der Polizei aktiv zu sein (Lander in NYC spricht sich für Defunding der Polizei aus!) ohne zu vergessen, dass gerade schwarze Aktivist:innen in den USA, wo der Begriff woke herkommt, häufig antisemitisch agitierten, nicht nur in den 1960er Jahren, sondern bis heute.

Es ist woke, sich gegen den natalistischen Imperativ zur Wehr zu setzen, nicht zuletzt in Israel, wo Kinderkriegen Staatsreligion ist und Putin macht Verlage, die Bücher zum Thema kinderfreies Leben anbieten, zu Kriminellen.

2007 schrieb Barbara Gingold im Lilith Magazine über den Konformismus in Israel, der sowohl das religiöse, als auch das zionistische Lager, Bnei Brak und Tel Aviv, betrifft (auch wenn in ersterem Fall die Frauen womöglich im Schnitt 11 Kinder kriegen und in Tel Aviv ’nur‘ drei):

Das hat sich auch über die Generationen hinweg nicht geändert. Noga Eshed, eine verheiratete Sabra [Einheimische], die nie Kinder hatte, wuchs in den 1950er Jahren in einem Mittelklasseviertel Jerusalems auf. „Jahrelang“, erinnert sie sich, „habe ich mich jede Woche mit meinen Freunden aus der Oberschule getroffen. Zuerst kauften sie sich alle eine Vespa [Motorroller], dann gingen sie alle zum Militär. Mit 25 waren sie alle verheiratet, hatten Kinder, kauften Wohnungen, Kühlschränke und Autos. Das sind die Erwartungen der Israelis: Man hat Arbeit, man hat ein Zuhause, man hat eine Familie.“

Es ist woke, sich gegen diesen Imperativ des Kinderkriegens, Heiratens, Wohnungen, Kühlschränke und Autos kaufen zu wehren, nicht mitzumachen. Aber ist es verdammt hart in Israel ein Punk-Rocker zu sein oder eine nicht angepasste Frau oder Queer, verglichen mit Europa oder den USA. Das Bittere ist, dass gerade in Tel Aviv Schwule sich Leihmütter in Amerika oder sonstwo kaufen, um ein ‚eigenes‘ Kind zu haben, Adoption reicht nicht – es geht also nicht um das Kind an sich, sondern um das eigene Blut und die Ausbeutung armer Frauen aus dem Trikont wie Kolumbien.

Barbare Gingold schreibt:

Wo bleibt denn da die Frau, die – sei es aus körperlichen oder anderen Gründen – letztendlich keine Kinder hat? In einer Gesellschaft, in der Mutterschaft als selbstverständlich gilt, in der sich Frauen – und auch viele Männer – seit jeher über die Kinder definieren, die sie zur Welt gebracht haben, in der sich ein Großteil des Alltags von Erwachsenen um Kindererziehung und Familienaktivitäten dreht und in der sogar alleinerziehende Mutterschaft oft als vorteilhafter angesehen wird als kinderlose Single-Existenz, gilt eine Frau ohne Kinder, wie Racheli es ausdrückt, als „nicht normal“. Ist ihre Kinderlosigkeit unfreiwillig, ist sie ein Objekt des Mitleids; entscheidet sie sich bewusst gegen Kinder, ist sie ein Objekt der Neugier, der Kritik und der Verachtung. Und in einem Land, dessen Sprache kein Wort für „subtil“ kennt, kann selbst das beiläufigste Gespräch – im Supermarkt, mit einem Taxifahrer, im Büro – der kinderfreien oder kinderlosen Frau auf quälende Weise klar machen, wo sie steht – und das geschieht durchaus häufig.

Die Kritik am Familialismus, wie es in der aktuellen Soziologie heißt, wird in Israel auf ganz besonders harten Granit treffen. Doch das wäre woker Zionismus. Selbst wenn jede zweite Frau in Israel keine Kinder mehr bekäme, wäre die Geburtenrate immer noch höher als in Italien oder der Bundesrepublik, und das bei einer Welt die ohnehin massiv überbevölkert ist und viel zu viele Ressourcen verbraucht, was primär, aber nicht nur, die Industrieländer betrifft.

Sodann ist es woke, sich wachsam gegen Antisemitismus und Holocaustbejahung in der Ukraine einzusetzen, ein Thema, das wirklich nahezu 100 Prozent der Forscher:innen im Bereich Antisemitismus in Deutschland meiden, weil es zeigen würde, dass nicht nur Russland ein Problem darstellt, was Autoritarismus betrifft, sondern auch die Ukraine und das massiv. Wer kümmert sich schon um Denkmäler und Straßen, die hier und heute in der Ukraine nach Antisemiten, Nazi-Kollaborateuren und Holocausttätern benannt werden?

Woke heißt sich gegen das Militär und Militarismus auszusprechen. Das heißt konkret gegen die Bundeswehr, Deutschland hat nach Auschwitz nie mehr ein Recht auf eine Armee.

Die aktuelle Aufrüstung in Deutschland, Resultat einer völlig durchgeknallten und irrationalen „Zeitenwende“ angesichts des völkerrechtswidrigen Angriffskrieges Russland gegen die Ukraine im Februar 2022, muss komplett gestoppt werden. Würden alle Gelder – 80 Milliarden pro Jahr und bald über 100 Milliarden – die für das sog. Verteidigungsministerium vorgesehen sind, wegfallen, wäre Geld für den sozial-ökologisch-antikapitalistischen Neuaufbau der Gesellschaft vorhanden. Das ist unrealistisch, aber wer nur Realistisches fordert, hat weder Fantasie noch die Kraft der Utopie je auch nur geschnuppert und ist somit langweilig, angepasst, spießig, deutsch-national, gefährlich.

Israel braucht eine Armee als Selbstschutz, umgeben von fanatischen Arabern und feindlichen Staaten. Doch auch die IDF muss kritisiert werden, wenn sie Kriegsverbrechen begeht oder welche zuließ, wie es in ihrer Geschichte – 1948, 1967, 1982, 2023-2025 etc. – immer wieder passierte.

Es gibt auch israelische Teenager, die keinen Bock auf die Armee haben, Linksradikale, die das, was seit dem 7. Oktober passierte, nicht mehr unter „Selbstschutz“ erkennen können.

Sehr wichtig ist ein Aspekt, der in einem Gespräch von Haaretz mit drei Teenagern, die den Wehrdienst verweigern werden, anklingt. Dabei geht es um ein Flugblatt, das sie geschrieben haben und bis nächste Woche Donnerstag, dem letzten Schultag, tausendfach verteilen werden. Darin heißt es, dass es reiner Zufall ist, wo man geboren wird:

„Seit Jahrzehnten unterdrückt der Staat mithilfe der Armee das palästinensische Volk, annektiert Gebiete und übt Gewalt gegen palästinensische Männer und Frauen aus, die im Westjordanland leben – all dies im Rahmen der Politik der ethnischen Säuberung des Landes.“ Weiter heißt es: „Das Einzige, was sie von uns unterscheidet, ist die Tatsache, dass sie auf der ‚falschen‘ Seite der Grenze geboren wurden.“ Dies, so heißt es, sei keine Selbstverteidigung.

Man kann noch einen Schritt weitergehen und den Song „Anti Alles Aktion“ der Antilopen Gang von 2014 zitieren:

Wir hatten uns nicht vorgenommen jemals auf die Welt zu kommen
Und trotzdem ist es irgendwie passiert

Angesichts des Pessach Festes und der Befreiung des jüdischen Volkes in der Antike von ägyptischer Sklaverei schrieb bekanntlich der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, im April 2026 in der Jüdischen Allgemeinen:

Solange wir die Lektionen der Freiheit beherzigen, solange wir unsere Traditionen ehren und weitergeben – solange wir stolz darauf sind, jüdisch zu sein, werden sie an diesem Ziel immer scheitern.

Das war einer der Gründe, warum ich mein Abonnement der Jüdischen Allgemeinen gekündigt habe. Der allgemeine Rechtsruck seit vielen Jahren war schon übel, aber so eine absurde Aussage – „solange wir stolz darauf sind, jüdisch zu sein“ – hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Man kann nämlich auf die Herkunft nicht stolz sein. Weder als Muslim in Ägypten, als Jude in Israel oder Deutscher in Deutschland. Kein Mensch hat jemals etwas dazu beigetragen, geboren worden zu sein und schon gar nicht, wo das stattfand und wer die Eltern sind. Das sind alles Zufälle. Man kann, wenn man es nötig hat, auf persönliche Leistungen stolz sein, aber niemals auf die willkürliche und rein zufällige Herkunft. Das ist eine philosophische und existentialistische Grundannahme.

Kurt Tucholsky hat in einem gänzlich anderen Staat, der Weimarer Republik – vor dem Holocaust und vor der Gründung Israels – seine Auswegslosigkeit in Deutschland 1932 angesichts des Aufstiegs der Nazis in seinem letzten Text in der Weltbühne zum Ausdruck gebracht:

Worauf man in Europa stolz ist

[115] Dieser Erdteil ist stolz auf sich, und er kann auch stolz auf sich sein. Man ist stolz in Europa:

Deutscher zu sein.

Franzose zu sein.

Engländer zu sein.

Kein Deutscher zu sein.

Kein Franzose zu sein.

Kein Engländer zu sein.

An der Spitze der 3. Kompanie zu stehn.

Eine deutsche Mutter zu sein. Am deutschen Rhein zu stehn. Und überhaupt.

Ein Autogramm von Otto Gebühr zu besitzen.

Eine Fahne zu haben. Ein Kriegsschiff zu sein. (»Das stolze Kriegsschiff . . . «)

Im Kriege Proviantamtsverwalterstellvertreter gewesen zu sein.

Bürgermeister von Eistadt a. d. Dotter zu sein.

In der französischen Akademie zu sitzen. (Schwer vorstellbar.) In der preußischen Akademie für Dichtkunst zu sitzen. (Unvorstellbar.)

Als deutscher Sozialdemokrat Schlimmeres verhütet zu haben.

Aus Bern zu stammen. Aus Basel zu stammen. Aus Zürich zu stammen. (Und so für alle Kantone der Schweiz.)

[115] Gegen Big Tilden verloren zu haben.

Deutscher zu sein. Das hatten wir schon. Ein jüdischer Mann sagte einmal:

»Ich bin stolz darauf, Jude zu sein. Wenn ich nicht stolz bin, bin ich auch Jude – da bin ich schon lieber gleich stolz!«

  • [116] · Kaspar Hauser
    Die Weltbühne, 08.11.1932, Nr. 45, S. 687.

Ob Schuster das meinte mit dem Stolz? Doch heute stehen Juden nicht schutzlos da und müssen keine Nazi-Herrschaft befürchten, wie es Tucholsky im November 1932 tat. Heute gibt es einen staatlichen Schutz für jüdisches Leben in Deutschland und Europa. Und es gibt Israel. Ich sehe das Gerede vom Stolz-Sein eher im Kontext einer weltweit stattfindenden neu-rechten Anti-Kulturrevolution, von „America First“ über die AfD und dem Deutschlandfahnenwahn seit 2006 hin zu Rechtsextremen und Faschisten wie Smotrich oder Ben Gvir. Wobei die jungen Punks und Teenager in Israel gerade auch die Liberalen oder Linken meinen, die ja massiv IDF-mäßig drauf sind, wobei zumindest einer der drei Protagonist:innen selbst linksradikale Eltern hat, wie die Haaretz berichtet, die es cool finden, dass ihr Kind nicht zum Militär möchte.

Das mit der Zufälligkeit der Geburt meinen also sicher auch diese Teenager, die sich übel vorkommen, aus reinem Zufall auf der ‚richtigen‘ Seite des Sicherheitszauns bzw. der Sicherheitsmauer geboren worden zu sein.

Woke heißt definitiv die Trennung von Staat und Religion. Religion ist Privatsache.

Woke Zionism ist eine mini-kleine Minderheitenmeinung. Aber selbst Herzls Zionismus von 1896 war eine zwar nicht mini-kleine, aber doch Minderheitenmeinung. Und sie führte zum Staat Israel, 1948. Auch das war konfliktreich und mit Gewalt und Mord und Totschlag verbunden, auch mit Kriegsverbrechen, auch von Juden, nicht nur von Palästinensern, deren Ablehnung des UN-Teilungsplans gleichwohl der Auslöser des Unabhängigkeitskrieges war und der Kernaspekt des gesamten Nahostkonflikts. Hätten die Araber, die damals noch gar nicht Palästinenser hießen, den Teilungsplan angenommen, hätten sie seit 1948 einen eigenen Staat.

Wir müssen wieder lernen, dialektisch, kritisch, uns selbst hinterfragend denken zu lernen.

Das haben wir, ‚wir‘ in der Pro-Israel-Szene, ‚wir‘ in der Wissenschaft und in der Publizistik die letzten 25 Jahre und vor allem seit 1989 verlernt.

Uns wurde das Märchen von den „blühenden Landschaften“ im Osten erzählt und dass der Kapitalismus gewonnen habe und alles gut wird. Im Kapitalismus wird aber nie etwas gut und in Deutschland schon gleich gar nicht. Wir haben seit 1989 Nationalismus, Neonazi-Gewalt gegen Migrant:innen, Behinderte, Obdachlose, Linke, Juden, Sinti und Roma und viele andere erlebt. Dann kam 9/11 und der Islamismus zeigte seine blutige Fratze, die umgehend durch das massive Tragen von Kopftüchern islamistischer Frauen eskortiert wurde. Parallel kam der Austeritäts-Kapitalismus und Neoliberalismus, der Arbeitslose zu den Sklaventreiber:innen der JobCenter treibt und soziale Kürzungen sind überall an der Tagesordnung. Mehr Geld fürs Militär, extrem viel mehr, und weniger für die wichtigen und lebensnotwendigen Dinge wie Wohnen, Essen, Leben, Dasein. Dann kam der Brexit und der britische Nationalismus. Und dann kommt das Zeitalter des Trumpismus, 2016 bis heute, ein explosionsartiger Aufstieg von antisemitischen Verschwörungmythen und nationalistischer wie hyper-kapitalistischer Gewalt weltweit, von Argentinien über Brasilien, Holland, Ungarn, die Türkei, Israel und Deutschland und viele andere Länder. Wegen meiner luziden Kritik an Trump wurde ich 2017 aus einem dieser typischen ach-so-dermaßen ‚pro-israelischen‘ Vereine gekickt. Auf so einen Rauswurf, einstimmig, darauf könnte man stolz sein, wenn man denn Stolz nötig hat.

Chinas Corona-Diktatur wurde zwischendurch zum Vorbild ‚erfolgreicher‘ Verhinderung von Demonstrationen, wie es unumwunden die damalige Kanzlerin Merkel zum Ausdruck brachte.

Und da sind wir wieder bei woke. Woke heißt umsichtig zu sein, sich im wörtlichen Sinne umzuschauen, wer oder was läuft hinter, vor oder neben einem, was passiert auf dieser Welt?

Dass diese Welt niemals das Ende der Geschichte sein kann.

Dass es eine Utopie braucht, wie es Russel Jacoby nach 9/11 in seinem Buch „Picture Imperfect“ schreibt.

Und nicht zufällig wendet er sich gegen den Anti-Utopismus von Hannah Arendt, Isaac Berlin oder Karl Raimund Popper, aber zugleich betont er die durchaus vorhandenen und bis heute relevanten utopischen Potentiale von Theodor Herzls Altneuland:

Education is free; women’s emancipation is complete; religion is private. (Jacboy 2005, S. 87)

Das wär ein prima Ausgangspunkt für den woken oder linken oder utopischen Zionismus der Zukunft. Als erster konkreter Schritt in der Bundesrepublik und Europa wäre eine Kampagne gegen den islam-faschistischen und frauenverachtenden Gesichtsschleier angesagt. Dazu das Kopftuchverbot in allen öffentlichen Gebäuden und für Mädchen unter 14 auf der Straße und überall. Das wäre woke und ironischerweise auch österreichisch! In Österreich ist die Gesichtsverhüllung – DAS islamfaschistische Symbol neben dem Hamas-Dreieck und dem Halstuch Keffiyah schlechthin – seit 2017 verboten. Deutschland ist da aus einer völlig falsch verstandenen Toleranz weit hinterher und kuscht vor den Islamisten seit Jahrzehnten. Das muss aufhören.

Dazu kommt ganz kategorial und grundsätzlich die woke, also nonkonforme und ’nicht normale‘ Vorliebe für Diplomatie vor Waffen. Isoliert den Iran und seine Proxies und zwar so richtig – und greift sie nicht sinnfrei an, um jeden Krieg dann zu verlieren, vor allem was die öffentliche Meinung betrifft, von den Toten nicht zu schweigen.

Schließlich muss Israel lernen, dass es nicht jede Gefahr einfach wegbomben kann. Die Kriegsverbrechen der IDF im Gaza-Krieg müssen aufgearbeitet und juristisch verfolgt werden.

Die extreme Zunahme an antisemitischer Hetze und Gewalt seit dem 7. Oktober muss zu viel mehr Aufklärung über die Formen des Antisemitismus führen. Doch die meisten Aktivist:innen im Bereich Kampf gegen Antisemitismus sind unwillig oder nicht in der Lage, die israelische Regierungspolitik scharf zu kritisieren. Wer sich die PEW-Umfrageergebnisse anschaut, in Ruhe anschaut, merkt, dass in einem Land wie den USA sicher nicht in wenigen Jahren der Antisemitismus so stark angestiegen sein kann. Aber die extrem brutale Politik von Netanyahu und der israelischen Regierung führt zu einer massiven Abkehr von Israel, auch bei Millionen und vielen Millionen Anhänger:innen der Demokraten, die eigentlich für Israel sind.

Da könnte woker Zionismus helfen, Zionismus wieder attraktiv zu machen – auch im entschlossenen Kampf gegen den Autoritarismus und Rechtsextremismus in Israel und die explizit faschistischen Regierungsmitglieder wie Smotrich oder Ben Gvir sowie weitere. Und nicht vergessen, worauf in der Haaretz immer wieder hingewiesen wird: Kriegsverbrechen wie von der IDF werden auch von einer Nicht-Netanyahu-Regierung kaum aufgearbeitet werden, weil sie alle Teil des IDF-Systems sind. Auch da hilft nur woker Zionismus!

Wehrhaft sein und sich verteidigen ist eine Sache. Wehrlose Zivilist:innen zu töten gehört nicht dazu. Auch das muss und wird Israel lernen, wenn es eine Zukunft haben möchte, sagt sogar der selbst politisch rechtsextreme amerikanische Vizepräsident, der ja für den völkerrechtswidrigen Iran-Krieg war, solange er halluzinierte, die ersten paar Tage, dass er zu gewinnen gewesen sei. Zudem ist ja Vance ein besonders übler Hetzer gegen „kinderfreie Katzenfrauen“.

Und da ist noch mehr zur Reflektion: Dass Juden nicht einmal im Mittelalter nur Opfer der Christen waren, sondern auch selbst innerhalb der jüdischen Gemeinschaft gewalttätig waren und Morde begingen oder in Auftrag gaben und viele andere Verbrechen, ist nicht verwunderlich, wurde aber jüngst vom israelischen Historiker Ephraim Shoham-Steiner herausgearbeitet, worauf der Journalist Ofri Ilany hinweist.

Woker Zionismus beschäftigt sich mit Antisemitismus, aber auch mit solchen weniger einfach zu klärenden Aspekten der jüdischen Geschichte und der Gewalt im Zionismus, ohne das zionistische Projekt aufzugeben, ja, ganz im Gegenteil: es zu unterstützen und schärfer, dialektischer und somit massiver machen, weil diskursiver. Genau deshalb hassen sowohl die Trumpist:innen wie auch die Antizionist:innen und Queers for Palestine und deren ganze Bagage den woken Zionismus ganz besonders.

Der neue Iran-Krieg: Trump und Netanyahu treiben das Völkerrecht und den Zionismus in den Abgrund

Von Dr. phil. Clemens Heni, Direktor, The Berlin International Center for the Study of Antisemitism (BICSA)

Der aktuelle Krieg von Israel und den USA gegen die Islamische Republik Iran wird Israel weiter isolieren, das Völkerrecht zerbröseln und den Zionismus massiv beschädigen.

Kaum jemand wird über Islamfaschisten wie Chamenei trauern.

Aber die USA unter Trump sind ein nahezu faschistischer Staat, der einfach so Länder überfällt und niemand stoppt die USA. Weil die USA eine der größten Militärmächte der Welt sind, allerdings nicht tödlicher, unterm Strich, wie Russland oder China, die auch Atomwaffen besitzen und die ganze Welt zerstören können mit ihrem Arsenal, so wie die USA im August 1945 die ganze Menschheit zur „letzten Generation“ bombte. Seit Hiroshima ist alles Leben nur noch befristet auf der Erde, Atomwaffen können alles auslöschen, wie der Philosoph Günther Anders (1902-1992) als einer der Allerersten erkannt hatte.

Nun jauchzen jene, die meinen, pro-israelisch zu sein. Darunter zählt der sehr weit rechts stehende Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen Philipp Peyman Engel, der auf Welt.TV die Angriffe feiert.

Das ZDF hingegen zeigt eine journalistisch wie politikwissenschaftlich, juristisch und völkerrechtlich differenzierte Position, die keineswegs antiisraelisch ist, im Gegenteil.

In einem Interview von ZDF-Heute Journalist Christian Sievers vom 1. März 2026 mit dem Juristen und Professor für Völkerrecht, Europarecht und Öffentliches Recht an der TU Dresden, Dominik Steiger, wird deutlich, dass dieser Krieg völkerrechtswidrig ist, auch wenn kein Zweifel daran bestehen kann, dass die Islamische Republik Iran ein Terrorstaat ist, der die eigene Bevölkerung hinmetzelt, antisemitisch agitiert und agiert, auch mit Proxys in der Region.

Das knappe Gespräch ist aufschlussreich, weil man darin eine juristische Position für das Völkerrecht und das Verbot, mit Gewalt ein anderes Land zu überfallen, begründet sieht, ohne gleichwohl auch nur die geringste Sympathie für den Islamfaschismus im Iran zu hegen.

Wann darf ein Land Gewalt gegen ein anderes Land anwenden? Ausnahmen sind, so Professor Steiger, UN-Sicherheitsratsresolutionen, was hier nicht vorliegt, das „Selbstverteidigungsrecht“, aber die USA und Israel waren nicht angegriffen worden.

Das „Atomwaffenprogramm“ des Iran verstößt gegen den Nicht-Verbreitungsvertrag. Der Iran verstößt gegen mehrere UN-Sicherheitsratsresolutionen und übt mit „Proxys“ wie den „Houthis“, der „Hizballah“ und der „Hamas“ Terror gegen Israel aus.

Aber das alles macht den Angriff deshalb nicht völkerrechtskonform, so Professor Steiger.

Das „Existenzrecht Israels“ wird von dem Iran und seinen Verbündeten in Frage gestellt, wie der Jurist und Wissenschaftler aus Dresden betont, aber das sind gleichwohl keine Gründe für diesen Angriff hier und heute – immerhin leugnet die Islamische Republik Iran seit bald 50 Jahren das Existenzrecht Israels, das ist keine Neuigkeit, könnte man ergänzen.

„Das ist alles fürchterlich“, so Steiger, aber „das ist nicht ein unmittelbar bevorstehender Angriff“. Auch eine „humanitäre Intervention“ sei völkerrechtlich kein Grund für diesen Krieg, wobei Steiger den Kosovo-Krieg (1999) erwähnt.

„Auch ganz schwere Menschenrechtsverletzungen dürfen nicht dazu führen, dass das Gewaltverbot ausgehebelt wird“, wie „wir“ 1999 im Fall „Kosovo“ diskutiert hätten – nun, damals führte Deutschland den ersten Krieg nach 1945, gegen einen alten Feind, Serbien. Das sagt Steiger jedoch nicht. Schon damals war die Kritik konsequenz- und zahnlos, wie heute. Aber es braucht „Protest“, wie er betont, und Sievers sieht darin durchaus zu Recht einen Appell an den wie immer dermaßen erbarmungswürdigen Kanzler, der gar kein Problem mit dem Bruch des Völkerrechts hat und um den heißen Brei redet.

Resümee dieses wichtigen ZDF-Gesprächs:

„Man darf nicht nur den Iran kritisieren, und den MUSS man in jedem Fall kritisieren, das ist gar keine Frage, sondern man muss natürlich auch Israel und die USA für den Verst0ß gegen das Gewaltverbot kritisieren“, so Dominik Steiger von der TU Dresden.

Das ist ein professionelles Gespräch im Fernsehen gewesen und Äonen entfernt von der Kriegspropaganda des Springer-Konzerns wie dem erwähnten Welt.TV-Gespräch mit Engel von der Jüdischen Allgemeinen oder den Nachrichten in den ach-so-proisraelischen Gruppen oder von Möchtegern-Forscher:innen im Bereich Antisemitismus, die doch großteils nur Propaganda mit akademischem Anstrich machen.

Von Zionismus und dem Kampf für ein demokratisches und jüdisches Israel haben diese Leute keinerlei Ahnung. Das zeigte sich bereits in deren Lob für Trump 2016/17, als manche gar meinten, der große Hegel sei Pate des Anti-Iran Trump. Als ob man mit amerikanischem Faschismus den Islamfaschismus des Iran bekämpfen könnte, ohne den Westen, die Demokratie und das Völkrrecht komplett zu pulverisieren. Als ob es dem kapitalistischen Westen oder dem staatskapitalistischen Osten (China, Russland und Proxys) je um das Völkerrecht gegangen wäre…

Das Gespräch im ZDF vom 1. März kann man in eine zionistische Kritik am Krieg gegen den Iran von Seiten liberaler und linker Zionist:innen auf dem J Street Kongress in Washington, D.C., einbetten. J Street ist eine zionistische, aber demokratisch-zionistische NGO in den USA. Ihr Präsident Jeremy Ben-Ami wendet sich gegen diesen Krieg und betont, dass die jüdische Lobby-Organisation AIPAC in den USA weder pro-amerikanisch noch pro-israelisch sei. Darüber berichtet die israelische Tageszeitung Haaretz.

Zugleich organisiert J Street ihre größte Kampagne zur Unterstützung von Kandidat:innen für die Midterm-Wahlen im November 2026. Der zionistische und demokratische Charakter von J Street, den J Street auf seiner Homepage auch entgegen bekannter Mythen aus dem Lager der Rechtszionist:innen hervorhebt und dokumentiert, wird hierbei deutlich:

The J Street Action Fund said it will back candidates who support a two-state solution, oppose West Bank annexation and settlement expansion, and advocate for democratic values in Israel and the United States.

Das ist Zionismus: Kampf für den jüdischen und demokratischen Staat Israel und Kampf für ein freies Palästina, eine Zweistaatenlösung (ohne „Rückkehrrecht“ nach Israel für die Palästinenser:innen, logisch).

Der US-Senator Chris van Hollen sprach ebenfalls auf dem J Street Kongress und wandte sich massiv gegen den Iran-Krieg von Trump und Netanyahu. Da er bei J Street sprach, zeigt er, dass er für den Zionismus und ein demokratisches Israel eintritt. Das verstehen weiteste Teile der selbst ernannten deutschen Pro-Israel-Szene natürlich nicht. Sie plappern nur nach was das israelische Außenministerium und Netanyahu so von sich geben. Wer den Krieg kritisiert, ist ein Islamist oder Antisemit. So einfach ist deren Weltsicht.

US-Senator aus Maryland Chris van Hollen hingegen hat sich während des letzten Gaza-Krieges in einem Gespräch mit der Washington Post klar für die Lieferung von Defensivwaffen für Israel wie den Iron Dome ausgesprochen, aber skeptisch bezüglich offensiven Waffen geäußert. Das ist eine liberal-zionistische Position, ganz klar.

Mitunter differenzierter als die herkömmliche deutsche Pro-Israel Szene ist die Studentin, politische Aktivistin und Deutsch-Iranerin Daniela Sepheri, die ja auch in Talkshows und im Fernsehen auftritt. Sie sagt in einem Facebook-Post gleich zu Beginn dieses neuerlichen Krieges, dass wir lernen müssten, „Gleichzeitigkeiten“ auszuhalten, also die Freude vieler Iraner:innen ob der militärischen Angriffe auf die Islamische Republik Iran bei gleichzeitiger Angst vor den Bomben oder der nicht abnehmenden Repression und den Massakern wie Hinrichtungen von Oppositionellen durch das islamfaschistische Regime in Teheran.

Erst Venezuela, jetzt der Iran, dann Kuba. Trump ist ein Kriegstreiber und Faschist, ein Sexist, Verschwörungsantisemit, Rassist (ICE-Terror), Antidemokrat. Donald Trump bekommt gleichwohl selbst mit seiner widerwärtigen MAGA-Bewegung massive innenpolitische Probleme, weil er mit seinem zentralen Versprechen gebrochen hat: Kriege zu beenden und nicht zu beginnen.

Wohin völkerrechtswidrige Kriege führen sahen wir am Irak-Krieg oder im Libyen-Krieg, beides failed states mit Hunderttausenden Toten und Millionen Flüchtlingen, nicht zuletzt in Europa.

Doch der Haupttreiber dieses Krieges ist offenkundig Benjamin Netanyahu. Er will sein unendliches Versagen vom 7. Oktober, seine Unterstützung der Hamas im Kampf gegen die moderatere Palästinensische Autonomiebehörde, wettmachen und sich als großen jüdischen – nicht nur israelischen – Helden präsentieren, der den heutigen Haman besiegt habe.

Das ist eine unglaublich zynische Kriegsideologie. Um den Iran geht es Netanyahu überhaupt nicht, es geht ihm um sein eigenes Schicksal. Die Gefahr für Israel aus Iran war vor Jahren größer. Letztes Jahr wurde ja angeblich das Atomprogramm völlig dem Erdboden gleichgemacht, wie im Sommer 2025 Trump brüllte. Offenbar doch nicht, denn im März 2026 geht es wieder gegen das Atomprogramm.

Also: Zionismus heißt, das Völkerrecht zu bewahren und für es einzutreten. Zionismus heißt Gerechtigkeit und Demokratie. Im besten Fall heißt Zionismus wie früher auch Sozialismus, aber davon sind wir sehr weit entfernt, weil ja selbst die Opposition maximal liberal ist, in Israel, aber nicht sozialistisch. Aber wen wundert das nach Jahrzehnten neoliberaler und kapitalistischer Propaganda, seit Margret Thatcher, Helmut Kohl und sodann Gerhard Schröder, Tony Blair und wie sie alle heißen. BlackRock-Kanzler Merz ist nur die Extremversion dieser jahrzehntelangen anti-sozialistischen Agitation, die auch in Israel sich seit sehr langer Zeit durchgesetzt hat.

David Ben-Gurion und die sozialistischen Gründer:innen Israels würden weinen.

In jedem Fall gilt: Trump und Netanyahu sind Feinde des Völkerrechtes, Feinde von Gerechtigkeit und Demokratie und einem jüdischen und demokratischen Staat Israel Seite an Seite mit einem Staat Palästina, also sind beide und ihre Anhänger:innen Antizionisten.

 

P.S., 21 Uhr: Letzte Nacht (MEZ) gab es ein extra Zoom-Meeting der israelisch-amerikanischen Gruppe UnXeptable zum Iran-Krieg. Exakt wie ich es heute Vormittag in meinem Text darstelle, gehen auch UnXeptable sehr kritisch mit der Kriegspolitik von Netanyahu und von Trump um.

Ich kann Wissenschaftler:innen und Interessierten nur raten, sich dieses Video anzuschauen, da lernt man exakt unendlich mehr als beim Lesen von Stellungnahmen oder Kommentaren wie von der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) oder von den üblichen Verdächtigen aus dieser gar nicht pro-israelischen Szene bezüglich des aktuellen Iran-Krieges.

Eran Etzion hat entgegen diesen deutschen Super-„Experten“ wirklich Ahnung von Israel und dem Nahen Osten:

Eran Etzion is a diplomat and strategist with more than 20 years of experience in senior government positions. He was head of policy planning at Israel’s Ministry of Foreign Affairs, and deputy head of the National Security Council in the Prime Minister’s office.

In 2014-2015, he was a visiting scholar at the Leonard Davis Institute for International Relations, and the Truman Institute for the Advancement of Peace, both at the Hebrew University, Jerusalem.

In 2015, he founded ICSF, Israel Center for Strategic Futures, a Think-Do NGO dedicated to introducing innovative foresight into the Israeli decision-making process and public discourse.

Zionistischer Protest gegen den Krieg: Millionen auf die Straße in Israel!

Von Dr. phil. Clemens Heni, Direktor, The Berlin International Center for the Study of Antisemitism (BICSA)

Der israelische Politiker Gilad Kariv (MK, Member of Knesset) fordert heute, 17. September 2025, angesichts der Bodenoffensive der israelischen Armee gegen Gaza-City, die Bürger*innen in Israel auf, millionenfach auf die Straße zu gehen und gegen die weitere Eskalation des Gaza-Krieges durch die religiös-rechtsextreme israelische Regierung zu protestieren:

This Israeli government is drunk on power and corruption.
A million patriotic Israelis need to take to the streets in the coming days to send a clear message, including to Washington, that the vast majority of Israelis are unwilling to allow Israel to become Sparta.

It is time to tell Netanyahu: stop this madness.

Der Diplomat und ehemalige Kanzlerinnenberater Christoph Heusgen, der in vielen politischen Fragen wie zum Ukraine-Krieg, den er schon 2023 mit deutschen Waffen für die Ukraine eskalieren wollte, katastrophale, militaristische, antidiplomatische und extreme „Zeitenwende“-Ansichten hat, sagt mitunter auch durchaus Nachdenkenswertes, auch wenn das ein Zufall sein sollte. Der Titel ist natürlich reißerisch und bemüht das Wort „Genozid“, obwohl die Kriegsverbrechen Israels gerade kein Genozid sind. Selbst der Chef der Vereinten Nationen (UN) sieht die Kriegsverbrechen, nennt sie aber auch nicht Genozid.

In der Berliner Zeitung heißt es im Gespräch mit Christoph Heusgen am 13. September 2025:

Aufgrund unserer Geschichte tragen wir eine besondere Verantwortung gegenüber Israel. Die Sicherheit Israels ist deutsche Staatsräson – und das sollte auch so bleiben. Aber wissen Sie, es kommt auf die Definition des Begriffs „Sicherheit“ an. Wenn man sieht, wie sich Israel durch sein völkerrechtswidriges Handeln in der Welt immer mehr isoliert – und der jüngste Angriff auf Katar ist ein weiterer unverfrorener Schritt –, dann wird deutlich, dass diese Politik die Sicherheit Israels langfristig gefährdet. Wir haben die Verantwortung, Israel zu sagen, dass es mit seiner aktuellen Politik nicht weiterkommen wird.

Das hebt Heusgen von jenen ab, die meinen in der Pro-Israel-Szene aktiv zu sein, aber die zu den Kriegsverbrechen von Netanyahu und der ganzen Regierung sowie der IDF schweigen oder zustimmen.

Es ist ganz einfach: Wer für Israel ist, ist gegen diesen Krieg. Selbstredend sind auch unendlich viele Leute gegen diesen Krieg, die Antisemiten sind und am 7. Oktober geklatscht oder geschwiegen haben. Diese menschlichen Wracks haben sich für alle Zeiten disqualifiziert. Und das sind sehr viele, die meisten Nachbar*innen, Unidozent*innen, Professor*innen, Arbeitskolleg*innen, mitunter Verwandte und natürlich ‚Freund*innen‘, die jetzt keine mehr sind.

Der Krieg gegen die Muslimfaschisten der Hamas und des Islamischen Jihad begann als gerechter Krieg. Doch er wurde zu einem Krieg, der nur noch aus Kriegsverbrechen besteht, dem Töten via Hunger, Ermorden via gezieltem Erschießen beim Warten auf Essenspakete sowie der Zerstörung von Gebäuden und der kompletten Infrastruktur einfach nur weil es Gebäude und die Infrastruktur der Palästinenser sind, ohne dass aus diesen Gebäuden oder einer Entsalzungsanlage oder Stromnetzwerken etc. pp. Terrorgefahr ausging.

Netanyahu zeigt seinen eigenen Rechtsextremismus jetzt auch noch offener als bisher. Er hat vor wenigen Tagen öffentlich erklärt, dass es keinen Staat Palästina je geben wird. Das sagte er bei der feierlichen Eröffnung des Bauprozesses des skandalösen und seit Jahrzehnten geplanten E1-Siedlungsprojektes im Westjordanland.

Dazu kommt das Gewährenlassen von nationalistischen oder religiös-fanatischen Siedlern im Westjordanland, die regelmäßig pogromartige Angriffe auf die Palästinenser*innen starten, Häuser anzünden, Menschen ermorden, Tiere töten oder entführen und so weiter und so fort.

Ende Juli 2025 sprachen sich viele arabischen und muslimischen Staaten erstmals gegen die Hamas aus. Sie fordern die Entwaffnung der Hamas und verurteilen die Verbrechen der Hamas vom 7. Oktober. Was macht Netanyahu? Er greift einen Staat an, den Israel zuvor seit 2012 gebeten hatte, die Hamas zu füttern, Katar! Katar ist ein elender muslimischer Staat – der aber für Deutschland, die USA und nicht zuletzt Israel ein Bündnispartner war, nicht nur bei der Fußball-WM, sondern auch bei Fragen der Diplomatie mit jihadistischen Gruppen.

Israel und die USA hatten die Hamas gebeten, sich zu treffen, um über einen weiteren Deal zu diskutieren. Und dieses Vorab-Treffen der Hamas griff Israel nun an – 5 Tote, allerdings nicht die avisierte Führungsebene der Hamas.

Netanyahu wird Israel zerstören. Das sehen (womöglich und vermutlich) Millionen von Israelis so. Aber ob sie auch endlich zu Millionen auf die Straße gehen?

Es ist grotesk, wenn selbst ernannte Pro-Israel Gruppen bei Vorträgen die Referent*innen bitten, über alles Mögliche zu reden, aber bitte nicht über die aktuelle Situation in Israel! Das gibt es tatsächlich solche Gruppen und Bündnisse, nicht nur in Baden-Württemberg, sondern bundesweit.

Wer zum Rechtsextremismus Netanyahus und seiner Bande und zu den Kriegsverbrechen der IDF schweigt, macht sich mitschuldig.

Das heißt nicht, dass jene, die nur darauf gewartet haben, Israel als „faschistisch“ zu bezeichnen und somit den Holocaust trivialisieren wollen und die dermaßen beliebte Täter-Opfer-Umkehr bedienen, jetzt reden dürfen. Wer zu den präzedenzlosen Verbrechen der Palästinenser vom 7. Oktober geschwiegen hat, soll in alle Ewigkeit schweigen.

Dann gibt es aber auch linke Pro-Israels. Manche eher kritisch-reflektierenden antideutschen Pro-Israelis wie Fans des Bundesliga-Klubs St. Pauli gehören dazu. Diese waren die letzten Jahre bekannt für ihren Pro-Zionismus, jetzt haben sie völlig zu Recht massive Kritik an Netanyahu, belegen diese aber mit dem falschen Wort „fascist“, wie die taz berichtet. Antideutsch und gegen diesen Krieg, das ist Zionismus, in der Tat!

Es gibt Verschwörungsantisemiten, die glauben wirklich, dass Israel den pädophilen Sexstraftäter Epstein („Mossad!!“ kreischen die dann) auf alle möglichen einflussreichen Politiker und Kapitalisten und andere angesetzt habe – weil das ein Zeichen sei, dass Juden die Welt beherrschten! Das glauben weite Teile der rechtsextremen MAGA-Bewegung von Donald Trump (der jetzt selbst ins Visier seiner Neo-Nazi Gefolgschaft gerät!).

Aber auch nicht wenige verschwörungsmythisch halluzinierende (mit und ohne Hanf etc.) und schon immer judenfeindliche Linke glauben daran zunehmend, wer das Pech hat, solche Gespräche in der Kneipe, an der Uni, am Arbeitsplatz, in der U-Bahn oder an anderen Orten mitzuhören, weiß das.

Dass amerikanische Politiker*innen von sich aus pro-israelisch aktiv werden könnten, darauf kommen diese neo-nazistischen, neu-rechten wie alt-linken Antisemiten nicht. Da muss geschmiert worden sein. Das glauben solche Volltrottel und wirklich Wahnsinnigen wirklich. Es ist ein jahrtausendealter antisemitischer Wahnglaube.

Dieser Verschwörungsantisemitismus ist extrem gefährlich. Er war auch die Grundlage der NSDAP.

 

Also: Nur wer Antisemitismus in all seinen Formen – all seinen Formen! – kritisiert und zudem zionistische Kritik am Vorgehen Israels übt, hat das moralische Recht, diese Kritik an den Kriegsverbrechen der IDF und Israels und an der E1- und Westbank-Politik zu üben.

Von daher gilt: Gilad Kariv und die demokratische und linke Opposition in Israel unterstützen und massiv gegen diesen unerträglichen Krieg, der die Geiseln töten wird, protestieren!

 

Massendemo in Jerusalem: „Benjamin Netanyahu als schlimmster Feind des jüdischen Volkes“

Von Dr. phil. Clemens Heni, Direktor, The Berlin International Center for the Study of Antisemitism (BICSA)

Heute ist Tag 701 seit dem 7. Oktober 2023, als Palästinenser, die Hamas und der Islamische Jihad die schrecklichsten Massaker an Jüdinnen und Juden seit der Shoah verübten. 1200 Israelis und einige Opfer anderer Nationalität, wurden auf unschilderbare Weise gefoltert und massakriert. Die männlich-muslimische Gewalt gegen Frauen wundert nicht, ist aber in ihrer unfassbaren Brutalität an diesem Tag wirklich kaum in Worte zu fassen.

Viele Muslime, Palästinenser*innen, Araber, Linke, Neonazis und andere feierten, leugneten oder verharmlosten diese antisemitischen Massaker.

Direkt danach sprachen viele dieser Anhänger*innen der antisemitischen Internationale von „Genozid“ – sie meinten nicht die in der Tat auf den Genozid an Juden zielenden Massaker vom Tag zuvor, nein: die Antisemiten aller Länder vom 8. Oktober meinten damit die bloße Existenz des einzigen Judenstaates, Israel. Kuffiyah und Melonen und „From the River to the Sea“ und „Stop the Genocide“ sind ihre Symbole und Parolen.

Die heutigen weltweiten Holocaustverharmlosungen, Täter-Opfer-Umkehrungen und das Geschwätz von „Genozid“ kann man sich quellengesättigt und kritisch eingeordnet in dieser Wikipedia-Tabelle anschauen („Scholarly and expert opinions on the Gaza genocide„).

Dort sind über 550 Forscher*innen, Aktivist*innen oder NGOs und Forschungsverbünde aufgeführt, die sich seit Oktober 2023 bis heute mit „Genozid“ und „Gaza“ beschäftigten, die meisten davon in antisemitischer und Holocaust verharmlosender sowie antizionistischer Motivation und Diktion.

Es werden aber auch viele wissenschaftliche Stimmen zitiert, die sich gegen diese inflationäre Verwendung des Begriffs „Genozid in Gaza“ wenden.

Dass die aktuellen und unerträglichen Kriegsverbrechen Israels in Gaza zu verurteilen sind und sofort aufhören müssen, ist davon völlig unbenommen. Ich habe gezeigt, dass sie nicht das sind, was einen „Genozid“ ausmacht, der in der kritischen Forschung für den Holocaust verwendet wird.

Die Hungerpolitik Israels, das Erschießen von unzähligen Zivilist*innen und unglaublich viele weitere Kriegsverbrechen in diesem mit riesigem Abstand längsten Krieg Israels müssen sofort aufhören.

Schon jetzt sind auf unabsehbare Zeit wahre Bilder von hungernden Kindern und Erwachsenen – auch der Geiseln – mit Israel verbunden und nicht nur mit der Hamas, deren Perfidie und islamofaschistische Theorie und Praxis schon zuvor bekannt war.

Israel wird zum Paria-Staat – und das unter Freunden, unter Staaten wie England, Frankreich oder Deutschland, die nur wirklich Realitätsgestörte als Feinde Israels bezeichnen würden.

Heute nun, am Tag 701 der Geiselnahme von 251 Israelis und anderer, protestieren wieder Zehntausende, ja Hunderttausende in ganz Israel. Diesmal mit einem Schwerpunkt in Jerusalem, weil dort die Regierung sitzt.

Es geht den Demonstrant*innen, die völlig verzweifelt sind und seit vielen Monaten ihre Wut hinausschreien, um das Versagen der israelischen Regierung, das eigene Volk zu schützen und die Geiseln zu retten.

Während die IDF völlig beliebig, ohne konkrete Terrorgefahr, Hochhäuser in Gaza-City sprengt, sind die jüdischen und israelischen Geiseln am Krepieren. Für den Tod sind die Palästinenser, die Hamas und der Islamische Jihad verantwortlich.

Aber es ist auch die israelische Regierung verantwortlich, darum geht es den Demonstrant*innen. Die Times of Israel berichtet:

Vor einer großen Menschenmenge bezeichnet Einav Zangauker, die Mutter des Geisels Matan Zangauker, Premierminister Benjamin Netanjahu als den schlimmsten Feind des jüdischen Volkes.

„Pharao, Haman, sie haben Pogrome gegen uns verübt – aber Du, Benjamin Netanjahu, Du übertriffst sie alle“, sagt Zangauker, die zu den lautstärksten Kritikern des Premierministers gehört.

Zangauker wirft Netanjahu vor, den Krieg in Gaza trotz der Warnungen einiger Mitglieder des israelischen Sicherheitsapparats vor den Gefahren einer solchen Vorgehensweise ausgeweitet zu haben, um den 7. Oktober aus seinem Vermächtnis zu tilgen.

„Dein einziges Vermächtnis ist das Massaker und das Versagen vom 7. Oktober“, sagt sie.

(Übersetzung aus dem Englischen von CH)

Man kann sich den Schmerz und die tagtägliche Angst, seit 701 Tagen, der Angehörigen und Freund*innen der Geiseln nicht vorstellen. Viele haben seit 701 Tagen nicht eine einzige Nacht geschlafen.

Es geht darum, dass Netanyahu jetzt einen „Deal“ einfach nicht beantwortet, obwohl die Hamas einen vorgeschlagen hat, der fast exakt einem vorherigen Vorschlag Israels entspricht.

Die heutigen Demonstrant*innen wie die Hunderttausenden in den Letzten Wochen und die Millionen der letzten Monate, sehen in Netanyahus Politik eine perfide Politik, der es nur um die Verlängerung des Krieges geht, und nicht um den Schutz der eigenen Staatsbürger*innen, geschweigen denn um die Freilassung der letzten Geiseln.

Natürlich gibt es die Oberschlauen, die meinen, die Hamas sei gar nicht das einzige Problem, das Problem seien „die“ Palästinenser an und für sich. Damit wird es nie eine Friedenslösung geben, weil: die Palästinenser sind da.  Ohne ein Ende des natürlich grotesken „Rückkehrrechts“ von niemals in Palästina vertriebenen, weil in Köln, New York City oder Helsinki geborenen Palästinenser*innen, würde es nie eine Lösung geben.

Diese Leute sind fatalistisch und haben immer die gleiche Antwort: es liegt nur und immer schon an den Arabern bzw. den Palästinensern.

Was diese Leute nie verstanden haben: mit Feinden schließt man Friedensverträge, nicht mit Freunden.

Faschos wie Smotrich oder Ben Gvir irritieren diese Leute nicht, auch wenn sie sie nicht mögen. Dass diese Leute aber den Zionismus und das Judentum, das auf der Torah und Gerechtigkeit basiert, nachhaltig beschädigen, wenn nicht zerstören – egal!

Vor diesem Hintergrund ist es so dermaßen realitätsfern, was die Jüdische Allgemeine schreibt oder was ein Ferdinand von Schirach so von sich gibt, so gut er es als Nazi-Nachfahre, der seine Familie zurecht verabscheut, sicher meint („‚Sie werden von mir kein Wort gegen Israel hören'“, stellte von Schirach mehrfach klar“).

Das ist auch gut so. Aber er sollte sich gegen die israelische Regierung wenden, darum geht es.

Also natürlich nicht gegen Israel, klar – aber gegen jene, die gegen Israel sind und das ist vorneweg, so sehen es auch heute wieder die Hunderttausenden Demonstrant*innen: Benjamin Netanyahu.

Gegen diesen Mann muss man politisch aktiv sein und sich gegen ihn äußern, wenn man für Israel ist und gegen Kriegsverbrechen, für die Freilassung der Geiseln.

Er hat womöglich nicht ganz im Blick, was die Angehörigen der Geiseln durchmachen und weigert sich, die israelische Regierung frontal zu kritisieren, wie es notwendig ist.

Denkt er, die Anghörigen würden sich gegen Israel wenden, wenn sie massiv protestieren und nach Hilfe schreien? Sie wenden sich gegen eine kriminelle und rechtsextreme, religiös-messianische Regierung, die weg gehört.

Der Knessetagabgeordnete Gilad Kariv von der neuen Partei Die Demokraten, einem Zusammenschluss linker und mitte-linker Parteien von 2024, war auf der Demonstration und sagte der Times of Israel:

„Die israelische Öffentlichkeit muss auf die Straße gehen, weil Netanjahu nicht das Richtige tun wird. Netanjahu wird nicht von Moral und Gewissen geleitet. Netanjahu ist ein Narzisst und ein Borderline- Psychopath“, erklärte Kariv. „Das Einzige, was Netanjahu bewegen wird, sind eine Million Israelis auf den Straßen und Druck aus den USA.“

Es gibt die Hilferufe von Journalisten aus Israel, die sehen, dass die Proteste in Israel allein, seit Anfang 2024 schlicht gar nichts bringen – sie brauchen massive Unterstützung von Israelfreund*innen weltweit! Darum geht es.

Netanyahu ist für den 7. Oktober hauptverantwortlich auf israelischer Seite, er hat es ermöglicht, dass es soweit kommen konnte, weil er die Warnungen von IDF-Soldatinnen nicht ernst nahm und auch viele weitere Warnungen nicht wahrhaben wollte.

Und weil er die Hamas gegen die Palästinensische Autonomiebehörde (PA), die jetzt von Israel in den Ruin getrieben werden soll, in Stellung brachte.

Ein Untersuchungsausschuss wird das irgendwann einmal alles detailliert aufdecken.

Die Oberschlauen werden gleich wieder kreischen, dass Abbas (PA) doch ein Holocaustleugner sei und so weiter und so fort. Sie sehen nicht, welches Spiel Israel spielt und dass es auf eine Zerstörung der Zweistaatenlösung hinausläuft, die ja die Hamas auch nicht will.

Der ehemalige Chef des Mossad, ein Zionist (die Bibi-Fans werden ihn als Antisemiten entlarven!), Yossi Cohen, fordert den sofortigen Rücktritt von Netanyahu.

Würde es in Deutschland Israelfreund*innen geben, so würden sie zu Zehntausenden, ja Hunderttausenden gegen die Kriegspolitik von Netanyahu demonstrieren, einen „Deal“ fordern, die Rückkehr der Geiseln und das sofortige Ende des Krieges.

Sie würden auch für ein Ende der aktuellen Regierung demonstrieren, gegen Rassismus und Nationalismus sowie die Drohung der israelischen Regierung, in wenigen Wochen fast die gesamte Westbank zu annektieren und somit jeglichen möglichen Frieden mit den Palästinensern, die Zweistaatenlösung, zu zerstören, jedenfalls für unabsehbare Zeit zerstören, wenn nicht für immer.

Und ohne eine solche Zweistaatenlösung hat der einzige Judenstaat keine Chance, weder im Nahen Osten noch weltweit. Netanyahu hat die engsten Partner Israels beleidigt, vor den Kopf gestoßen und direkt oder indirekt als Antisemiten beschimpft, England, Frankreich, Deutschland und auch jene Teile des US-Establishments, das sich jetzt – nicht obwohl, sondern weil sie zionistisch sind im US-Kongress! – gegen die israelische Kriegspolitik ausspricht.

Viki Cohen, die Mutter des von der Hamas als Geisel gehaltenen Nimrod Cohen, betont bei einer Großkundgebung in Jerusalem, dass „ein vollständiges Abkommen auf dem Tisch liegt“, das Netanjahu jedoch nicht unterzeichnen will.

„Es liegt ein vollständiges Abkommen auf dem Tisch, ein Abkommen, das meinen Sohn und alle Geiseln zurückbringen wird“, sagt sie vor der Residenz des Premierministers. „Mein sensibler Junge … Ich habe keine Ahnung, wie er mit dem Höllenfeuer in Gaza zurechtkommt.“

Sie sagt, dass mehrere Familien von Geiseln in der vergangenen Woche Anrufe von Geheimdienstmitarbeitern erhalten hätten, in denen ihnen mitgeteilt wurde, dass die jüngste Ausweitung der IDF-Operation in Gaza-Stadt ihre Angehörigen in Gefahr bringe.

Bekanntlich sind Forderungen nach „Wandel“ oder „was Neues beginnen“ auch Kennzeichen, ewiges Kennzeichen, kapitalistischer Vergesellschaftung. Es geht immer weiter, bis zur nächsten Krise, zur nächsten Innovation, aber es bleibt immer gleich, dass Menschen wie Waren behandelt werden. Daher ist es kein Zufall, dass auch x-beliebige „Manager“ Bob Dylan hören, neoliberale Verwerter der Welt, die Kulturindustrie frisst alles und alles wird zum Fraß. Es gibt über 500 Cover-Versionen des Liedes.

Aber ich würde es denn mal zur Abwechslung friedenspolitisch und zionistisch rezipieren, es muss Wandel geben, die Demonstrant*innen in Jerusalem, Tel Aviv und ganz Israel von heute zeigen ihn an, jedenfalls viele von ihnen. Netanyahu ist aktuell der „größte Feind des jüdischen Volkes“, so sagte es heute Einav Zangauker, die Stimme des Hostage Forum.

Und auch in der Diaspora müssen die Juden endlich aufwachen, genauso wie die nicht-jüdischen Pro-Israel Aktivist*innen, sie müssen ihren Masada-Komplex bearbeiten und ablegen oder überwinden, so schwer das den meisten auch fällt.

Bob Dylan hat 1964 in Worte gefasst, was die biedere, spießige, realitätsferne deutsche Pro-Israel-Szene bis heute nicht gelernt hat und nie lernen wird:

Come mothers and fathers

Throughout the land

And don’t criticize

What you can’t understand

Your sons and your daughters

Are beyond your command

Your old road is rapidly agin’

Please get out of the new one if you can’t lend your hand

For the times they are a-changing.

Hilferuf aus Israel: „Wir halten es nicht mehr aus“

Von Dr. phil. Clemens Heni, Direktor, The Berlin International Center for the Study of Antisemitism (BICSA)

Treffen sich zwei alte Bekannte am Bahnhofskiosk in Berlin, Zoologischer Garten, der eine ist Abonnent einer linken Publikumszeitschrift und hatte sie heute schon im Briefkasten gefunden, der andere blätterte grade in ihr rum:

„Eine Hungersnot! Eine Katastrophe! Stell dir das vor. Zwei!, sagt der Abonnent.

Ja, zwei. Von der Hungersnot bedroht, in unterschiedlicher Intensität. Ja, einfach unglaublich. Und alle schauen weg, grade ‚wir Linken‘.

Ganz genau.

Also zwei Millionen.

Hallo? Ich meinte „ZWEI“ – zwei Menschen sind von der Hungersnot bedroht, zwei israelische Geiseln, es gibt doch die schockierenden Videos der Hamas.

Ja, das ist unerträglich, Nazi-style Propaganda dieser Muslim-Faschos. Aber es gibt neben diesen zwei hungernden Geiseln noch zwei Millionen Palästinenser die hungern.

Spinnst du? Die hungern doch nicht, die essen absichtlich zu wenig, damit Israel wieder als der Böse dasteht.

Das meinst du nicht ernst, oder?

Doch.“

Diese Szene hat es heute wirklich in Berlin am Zoologischen Garten gegeben. Es gibt Zeuginnen und Zeugen.

 

Die Verkommenheit der Linken ist seit Jahren mit Händen greifbar. Aber jetzt dieser Realitätsverlust in Bezug auf israelische Kriegsverbrechen. Diese Autoren dünken sich pro-israelisch, dabei schaden sie dem Judenstaat ganz extrem, wenn sie die Propaganda der israelischen Regierung für die Wahrheit nehmen, dass es keine Hungersnot gebe. Oder dass es keine absichtlichen Morde an Zivilist*innen geben würde. Oder dass es keine Siedlergewalt in extremem Ausmaße im Jahr 2025 im Westjordanland gebe. Oder dass es keine Aufrufe der rechtsextremen Regierungsmitglieder für „ethnische Säuberung“ und Wiederbesiedelung Gazas geben würde.

Während laut dem französischen Soziologen Emile Durkheim von 1893 die „mechanische Solidarität“ die traditionelle, ’stammesgebundene‘ vorindustrielle Solidarität meint, ist die „organische Solidarität“ auf der kapitalistischen Arbeitsteilung basierend. Sie meint auch und gerade die Solidarität der Atomisierten, der Fremden, der Arbeitskolleg*innen, die nicht mit einem verwandt sind. Und diese „organische Solidarität“ gebe es in Israel nicht, so die Haaretz-Journalistin Noa Limone am 28. August 2025. Zwar habe es in Israel eine ganz außergewöhnliche und beeindruckende innerisraelische Solidarität nach dem genozidalen Massaker der Muslimfaschisten der Hamas vom 7. Oktober 2023 gegeben. Ärztinnen und Ärzte halfen spontan und kostenlos, Menschen zu versorgen oder zu therapieren, Bürger*innen spendeten Kleider, Nahrung, boten Wohnungen an, es war ein großer Zusammenhalt in Israel spürbar. Doch was ist jetzt mit der Solidarität israelischer Wissenschaftler*innen mit denen in Gaza, wo es dort keine Unis mehr gibt? Wo die Solidarität israelischer Kameramänner oder TV-Journalist*innen mit den von der IDF im Nasser-Krankenhaus vorsätzlich in einem perfiden Doppelschlag ermordeten Kolleg*innen? Noa Simone sieht da keine Solidarität:

Aus dieser Perspektive ist jeder Journalist, Arzt und Professor aus Gaza automatisch ein Terrorist. In Israel triumphiert immer die nationale Identität, wodurch andere Identitäten und Perspektiven marginalisiert und minimiert werden. Deshalb ist die Solidarität in Israel begrenzt. Deshalb ist auch die Zivilgesellschaft, die wir so sehr gelobt haben, nicht wirklich zivil.

(alle Übersetzungen aus dem Englischen in diesem Text von CH)

Wir haben es in Deutschland, dem Land mit der größten Moral und den intelligentesten Autor*innen, grade bei den Linken, überhaupt mit einer Volksgemeinschaft der philosemitischen Antisemiten zu tun, die sich hinter Israelfahnen verstecken und weder Emmanuel Levinas noch Eva Illouz oder die Haaretz je gelesen haben oder heute lesen und diskutieren.

Wir haben es mit Leuten zu tun, die so obsessiv dabei sind, der israelischen Regierung noch jede Lüge zu glauben, dass man sie weder als Journalisten oder Autoren noch als Menschen jemals wieder ernst nehmen kann.

Und trotzdem: Es gibt noch etwas Hoffnung in diesen Zeiten des Niedergangs und der moralischen Abgründe.

Ein Journalist der Haaretz schreibt am 27. August 2025 einen Hilferuf an die Welt und vor allem an Europa. Jene, die Israel liebten, sollten die aktuelle Regierung mit allen Mitteln bekämpfen, das ist die Kernforderung. Es geht dem Autoren, Uri Misgav, nicht um die rein formale Anerkennung eines Staates Palästina, er wendet sich logisch gegen einen BDS-mäßigen Boykott Israels. Misgav ist Zionist. Er ist aber ein Linkszionist und er kann es ethisch, moralisch und persönlich nicht mehr ertragen. Er möchte befreit werden von der rechtsextremen, religiös-faschistoiden Regierung von Benjamin Netanyahu:

Wir brauchen dringend Ihre und eure Hilfe. Wir wurden von einer kriminellen Bande entführt, die unser demokratisches System ausgenutzt hat, um an die Macht zu kommen, und nun versucht, diese Demokratie zugunsten eines tyrannischen Regimes mit faschistischen und ultranationalistischen Zügen zu zerstören. Das ist eine alte und bekannte Geschichte, die sich schon an anderen Orten abgespielt hat. Dieses Mal ist es uns passiert. Wir dachten, wir könnten das alleine bewältigen; es schien sogar, als wären wir auf dem richtigen Weg.

Er erwähnt den U2-Musiker Bono, der für seinen Zionismus und seine scharfe Attacke auf Benjamin Netanyahu legendär ist.

Der in Israel für Skandale, Aufdeckungen, aber auch Fehleinschätzungen bekannte Haaretz-Autor Uri Misgav endet seinen Text mit folgender flehender Bitte, die die paar wenigen linken und liberalen Israelfreunde aufwecken sollten, wenn sie noch einen Restbestand an Menschen- und Zionsliebe in sich tragen sollten:

Deshalb brauchen wir Sie, um einen wirksamen Weg zu finden, den Krieg und diese Regierung zu stoppen. Berufen Sie eine große internationale Konferenz ein, wie es in der Vergangenheit bereits mehrfach geschehen ist, unter der Führung Europas. Es stimmt, dass sowohl wir als auch Sie ein ernstes Problem mit der aktuellen amerikanischen Regierung haben. Versuchen Sie, ohne sie voranzukommen. Machen Sie Europa wieder großartig.

Es besteht keine Notwendigkeit, Tel Aviv zu bombardieren, wie Sie es in Serbien getan haben.

Ein Embargo für Angriffswaffen und die Androhung, die Beziehungen abzubrechen, werden ausreichen.

Bringen Sie einfach Netanjahu und seine verabscheuungswürdigen Gefolgsleute in die Knie und helfen Sie uns, ihn in den Mülleimer der Geschichte zu befördern.

Wir flehen Sie an: Jetzt ist es an der Zeit. Wir halten es nicht mehr aus.

Was jedoch die selbst ernannten Israelfreund*innen in Deutschland am wenigsten leiden können, sind nicht Nazis oder die Hamas, nein, was sie wirklich am allermeisten regelrecht hassen sind Linkszionist*innen aus Israel. Sie hassen die Kritik an Netanyahu. Sie hassen den Realitätsbezug der Kritiker*innen in Israel.

Diese „Israelfreund*innen“ lieben den Realitätsverlust und die staatliche Propaganda aus Jerusalem.

Daher wird auch dieser Hilferuf aus Israel bei diesen Fanatiker*innen nicht gehört werden. Aber der bürgerliche Mainstream, welche Ironie, der könnte dafür offen sein. Vorneweg ein Mann, der Israel retten möchte: der französische Präsident Macron, womit sich die Haaretz die letzten Tage intensiv beschäftigt hat.

Was die Linken in Israel gelernt haben, haben die strunzdeutschen Linken nie verstanden: Der Feind steht im eigenen Land. Wenn das in jedem bestehenden Land erkannt wird, dann kommt die Revolution.

Der Masada-Komplex

 

Von Dr. phil. Clemens Heni, Direktor, The Berlin International Center for the Study of Antisemitism (BICSA)

 

Michael Schiffer arbeitete bis vor kurzem für die US Organisation USAID, zuvor war er auch im US-Verteidigungsministerium sowie als Mitarbeiter im US Senate Foreign Relations Committee beschäftigt.

Schiffer ist ein amerikanischer Jude.

Er ist ein Zionist und hat sich sein ganzes Leben für Israel eingesetzt.

Jetzt rechnet er ab.

Mit sich selbst. Mit den amerikanischen Juden. Mit dem Israel unter Netanyahu. Mit mir. Mit dir. Mit Ihnen. Mit ‚uns‘.

Mit der Pro-Israel-Szene.

Innehalten.

In seinem Text auf der Times of Israel (TOI) am 25. August 2025, der von der Redaktion der TOI als „featured“ Artikel hervorgehoben und in zwei Tagen über 200 Mal kommentiert wurde, schreibt Schiffer Folgendes:

Als amerikanischer Jude und ehemaliger US-Sicherheitsbeamter habe ich mein ganzes Erwachsenenleben damit verbracht, mich mit der komplexen Beziehung zwischen meiner jüdischen Identität, meinen amerikanischen Werten und meiner Unterstützung für Israel auseinanderzusetzen.

Wie viele meiner Generation wuchs ich mit Geschichten über den Holocaust und das Wunder der Wiedergeburt Israels auf, lernte die Notwendigkeit der jüdischen Selbstbestimmung kennen und wurde gelehrt, dass Israel die besten jüdischen Werte verkörpert, die in einem modernen demokratischen Staat zum Ausdruck kommen. Dieser Glaube ist nun zerbrochen.

(Alle Übersetzungen in diesem Text von CH)

Sein Beitrag hat eine intellektuelle, moralische wie jüdische analytische Tiefe, die man bei nahezu keiner jüdischen zionistischen Autorin, keinem jüdischen zionistischen Autoren in Deutschland und schon gar nicht bei den nicht-jüdischen ach-so-dermaßen-pro-israelischen deutschen und sonstigen Aktivist*innen oder gar Wissenschaftler*innen finden kann.

Denn Schiffer sagt:

Die Folgen dieser Sicht der Dinge sind nun für alle in Gaza sichtbar. Was als legitime Reaktion auf die schrecklichen Angriffe der Hamas vom 7. Oktober begann, hat sich zu etwas entwickelt, das gegen alle ethischen Grundsätze verstößt, die dem Judentum heilig sind. Ganze Stadtteile wurden ausgelöscht. Familien hungern, während Lebensmittel-Lkw an den Grenzen warten. Kinder sterben an vermeidbaren Krankheiten, weil Lebensmittel und Medikamente als Waffen eingesetzt werden. Die Bilder, die jeden Tag über unsere Bildschirme flimmern, zeigen nicht nur eine humanitäre Katastrophe, sondern einen moralischen Zusammenbruch, der jeden erschrecken sollte, der behauptet, im Namen jüdischer Werte zu sprechen.

Selbstverständlich ist es sehr gut, wenn Menschen pro-israelisch aktiv sind. Wenn sie nicht unpolitisch dahinleben, sich nur um Konsum und Familie oder Familie und Konsum oder Alleinsein und Konsum, die günstigsten Flugtickets oder das beste Biobrot oder Pärchen-Urlaube und Konsum kümmern, sondern sich einmischen. Demokratisch aktiv sind, sich sowohl gegen Nazis wehren als auch gegen die arabischen und türkischen Antisemiten in den Kiezen von Berlin, wo man selbst eh nicht mehr leben möchte.

Es ist sehr gut wenn Menschen sich gegen Judenhass und Antisemitismus einmischen. Daher gibt es seit ca. 2000/2002 eine neue Pro-Israel-Szene in Deutschland, vorangetrieben von den Antideutschen. Doch auch Liberale, Bürgerliche und zunehmend Konservative mischen seit Jahren in dieser Szene mit. Sie hat erreicht, dass der Bundestag 2019 die antisemitische BDS-Bewegung als antisemitisch deklarierte.

Sie hat einige Preisverleihungen an antiisraelische Agitator*innen verhindert oder gestört. Diese Szene hat ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass Israel aktiv unterstützt werden muss und dass Zionismus Selbstbestimmung und Souveränität bedeutet. Sie haben den linken und muslimischen Antisemitismus seit dem 11. September 2001 klar erkannt und dazu Bücher publiziert, Vorträge gehalten, Demonstrationen und Kundgebungen gemacht, Texte publiziert und Diskussionen entfacht, im bürgerlichen Feuilleton wie in linken Medien.

Viele haben den postkolonialen Antisemitismus decodiert, andere auch den neu-rechten Antisemitismus attackiert und manche gar Holocaustverharmlosung zum Thema gemacht, auch wenn das nur marginal vorkam, da man sich dann ja auch mit dem Antisemitismus in der Ukraine und den Pro-Holocausttäter-Denkmälern dort befassen müsste, und das will diese Pro-Israel-Szene nicht.

Aber unterm Strich hat sie sich zumindest mit dem antizionistischen Antisemitismus intensiv befasst, diese Szene. Seit ca. 25 Jahren.

Und ich war ein Teil davon. Und wir haben alle Schuld auf uns geladen, weil wir zu oft und die meisten immer geschwiegen haben, wenn es um den Masada-Komplex ging.

Mit Sexismus oder Trump hatten nur Teile dieser Szene je ein Problem, mit Holocaustverharmlosung, wenn sie aus Litauen oder der tschechischen Republik oder der Ukraine kommt, hatte diese Szene von Anfang an ohnehin kaum Probleme.

Dann kam auch noch Corona dazu und die Szene feierte die menschenfeindliche, medizinisch katastrophale, nicht evidenzbasierte, irrationale Coronapolitik und den Pandemic Turn der Regierungen Merkel und Scholz. Jeder selbst denkende Epidemiologe und jede Kritikerin wurden als Schwurbler, Nazi oder Antisemit öffentlich auf dem Marktplatz der a-sozialen Medien, im Radio, TV, Supermarkt oder auf der Straße öffentlich gesteinigt.

Dann kam der völkerrechtswidrige Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine.

Anstatt die Friedensangebote des autokratischen Herrschers Putin von Dezember 2021 zu diskutieren und sich zu verpflichten, dass wenigstens die Ukraine kein NATO-Mitglied wird, nachdem der Westen schon mit der Mitgliedschaft nahezu aller anderen osteuropäischen Staaten sein Versprechen von Februar 1990 gebrochen hatte, „not one inch“ würde sich die NATO gen Osten ausbreiten, wenn sich DDR und BRD zusammentäten (wie auch immer das geschehen würde), feierten gerade die Deutschen die Hetze gegen Russland.

27 Millionen tote Sowjetbürger und Russen im Zweiten Weltkrieg durch Nazi-Deutschland?

Historische Verantwortung der Deutschen gegenüber Russland? Lachhaft!

Peanuts verglichen mit den wunderschönen Denkmälern für Holocausttäter, die es in der Ukraine gibt – kleiner zwar, aber doch schöner noch als das Denkmal für ‚unseren‘ Nationalisten und völkischen Patron Hermann den Cherusker in Detmold/Bielefeld.

So handelten und agitierten sie von der ARD und dem ZDF über die CDU, CSU, FDP, SPD, Olaf Scholz hin zu den Grünen. Fast 100 Prozent der Israelszene waren stramm für die arme Ukraine, nutzten das Bild von Selenskyii als Profilbild bei Facebook oder X und schmückten sich auf Instagram, TikTok oder am WG-Fenster oder im Fenster der schicken Altbauwohnung mit Dachterrasse mit einer kleinen Ukrainefahne und wollten keine politikwissenschaftlichen, diplomatiegeschichtlichen oder ideologiekritischen Seminare mehr hören. Waffen für die Ukraine. „Zeitenwende“. „Sondervermögen“ für die Bundeswehr, 100 Milliarden und in Zukunft bis zu 30 Prozent des Bundeshaushalts für das Kriegsministerium!

Das ist Militarismus, wie wir ihn seit 1945 nicht mehr schreien hörten im Parlament und auf den Kasernenhöfen und in den Talkshows, die damals noch anders hießen. Alles für unsere ukrainischen Freundinnen und Freunde. Und vor allem für die geschundene deutsche Seele seit 1945. Jetzt erst können wir wirklich frei sein und uns an „dem“ Russen rächen. Endlich. Was für eine Zeit!

Das entschuldigt Putin nicht. Aber es setzt Kontexte.

Und hätte die Ukraine wenigstens einmal auf die Kritiker*innen gehört, hätte sie Hunderttausende Tote weniger und nahezu keinen Gebietsverlust (bis auf die Krim), da bekanntlich im April 2022 ein solcher Friedensschluss auf dem Tisch lag und alle dafür waren, Putin, Selenskyii, nur der antikommunistisch-kapitalistische Hetzer Boris Johnson aus England, Panzer-Toni und vor allem fast die gesamte politische Elite in Deutschland – aber zu keinem Zeitpunkt eine Mehrheit der Bevölkerung – wollten das nicht und so geht der Krieg bis heute weiter.

Aber immerhin war die Pro-Israel-Szene weiterhin für Israel, wenigstens etwas. Immerhin.

Denn immerhin setzt die Kritik am Antisemitismus auch jenen Stolzdeutschen ein Stoppschild vor die völkische Nase, die jetzt wieder nassforsch fordern, Israel zu kritisieren, würde „uns Deutsche“ doch erst so richtig frei machen, noch freier als das Schießen auf Russen – weil die sechs Millionen toten Juden „uns“ doch immer noch daran hinderten, auch Juden zu kritisieren.

Doch der Umkehrschluss ist fatal: nur weil Antisemiten sich befreit fühlen, wenn es aus Deutschland kritische Worte an den tatsächlichen Freund Israel gibt – und kein rationaler Mensch wird der aktuellen oder einer der paar letzten Bundesregierungen wirklich Israelhass vorwerfen wollen – darf das nicht heißen, auch aus zionistischer Sicht endlich lautstarke Kritik zu üben.

Und darum geht es Michael Schiffer. Er kritisiert Israel ja aus der Sicht eines amerikanisch-zionistischen Juden.

Was ist nun der Masada-Komplex? Michael Schiffer analysiert ihn:

Der Krieg in Gaza hat etwas zutiefst Beunruhigendes offenbart, was aus Israel unter der Führung von Benjamin Netanjahu geworden ist – und was amerikanische Juden wie ich durch jahrzehntelange reflexartige Unterstützung und vorsätzliche Blindheit ermöglicht haben. Was wir derzeit erleben, ist nicht nur eine fehlgeschlagene Militäraktion, sondern der Triumph einer destruktiven Mythologie, des Masada-Komplexes: eine Belagerungsmentalität, die das Opferdasein verherrlicht, Selbstzerstörung als Heldentum heiligt und jede Herausforderung in einen existenziellen Kampf verwandelt, der jede Reaktion rechtfertigt, egal wie moralisch verwerflich sie auch sein mag.

Und folgende Selbstreflexion von Schiffer ist in Deutschland wirklich von nahezu keinen Pro-Israel Aktivist*innen zu hören, zu einer solchen Selbstkritik und Introspektion sind sie hierzulande einfach nicht in der Lage:

Die amerikanischen Juden tragen eine besondere Verantwortung für diese Katastrophe. Seit Jahrzehnten unterstützen wir die Politik Israels, während wir uns selbst von ihren Folgen abschirmen. Wir haben Israels Erfolge gefeiert und seine Misserfolge ignoriert, Milliarden für die Aufrechterhaltung der Siedlungen gespendet, während wir behaupteten, nichts von deren Zweck zu wissen, und reflexartig Handlungen verteidigt, die wir verurteilen würden, wenn sie von einer anderen Nation unternommen würden.

Diese Mitschuld wurde durch unsere eigene Version des Masada-Komplexes ermöglicht, einer Mythologie, die jede Kritik an Israel als Untreue gegenüber dem Überleben der Juden, jeden Ausdruck palästinensischer Menschlichkeit als Verrat am Leid der Juden und jeden Ruf nach Gerechtigkeit als Einladung zu einem weiteren Holocaust darstellt. Wir haben zugelassen, dass aus einem Trauma eine Doktrin wurde, und die Lehren aus dem Leiden der Juden zur Rechtfertigung für die Unterdrückung der Palästinenser gemacht.

Man muss sich nicht beruflich mit der Philosophie von Emmanuel Levinas beschäftigt haben, um wenigstens zu erahnen, was für schreckliche Folgen diese jahrzehntelange Politik dieser ‚Engagierten‘ für Israel für das Judentum und die jüdische Ethik und für den Zionismus hat:

Dies stellt einen tiefgreifenden Verrat an den jüdischen ethischen Lehren dar. Uns wird geboten, „rachamim b’nei rachamim” zu sein – mitfühlende Kinder mitfühlender Vorfahren. Uns wird gelehrt, dass die Rettung eines einzigen Lebens der Rettung der ganzen Welt gleichkommt. Von unseren Weisen lernen wir, dass „es der Weg der Tora ist, sogar unsere Feinde zu ernähren, wenn sie hungrig sind”. Und die Lehren aus dem Holocaust, aus „Nie wieder”, müssen in den größeren Zusammenhang der Lehre von Rabbi Hillel und seiner zweiten berühmten Frage gestellt werden: „Wenn ich nur für mich selbst da bin, wer bin ich dann?” Doch Israel verstößt heute systematisch gegen jeden dieser Grundsätze, begeht Kriegsverbrechen und verstößt gegen das humanitäre Völkerrecht, während es behauptet, in unserem Namen zu handeln.

Deshalb muss dieser Krieg jetzt enden. Die Geiseln müssen sofort freikommen. Die Hamas darf keine politische Rolle mehr spielen, aber zu glauben, man könne sie komplett als Guerilla ausschalten, ist völlig aberwitzig und absurd. Das weiß auch die IDF-Führung, wenn sie ehrlich ist.

Es geht aber um viel mehr, wie Michael Schiffer in seinem herausragenden Text betont. Es geht auch um die Siedlungspolitik im Westjordanland, um öffentliche Aufrufe zur „ethnischen Säuberung“, die weder in den USA noch in Deutschland Schockwellen unter Israelfreunden verursachen, sondern Schulterzucken. Und das seit wenigstens 25 Jahren, wo es in Deutschland diese neue und hörbare Israelsolidarität gibt.

Der Masada-Komplex ist wirklich überall zu sehen, seit vielen Jahren.

Da werden zurecht antizionistische Hetzer*innen kritisiert, aber niemals auch anders gelagerte, aber ebenso bekämpfenswerte Tendenzen wie jüdisch-religiöse Fanatiker*innen oder rechtsextreme Politiker Israel in den Blick genommen.

Die meisten glauben wirklich – und viele mit tatsächlich gutem Gewissen oder aus Naivität – dass es doch pro-israelisch genug ist, sich für Israel einzusetzen, mit Städtepartnerschaften oder Austauschprogrammen, Anstecknadeln, Schals, Kettelchen oder Texten, Kundgebungen und Stickern, Aufklebern, Memes und so weiter. Sie merken nicht, dass ohne eine Kritik am israelischen Rechtsextremismus, der IDF-Kriegsführung und religiösen Fanatismus und der Kritik an den offenkundigen Kriegsverbrechen in Gaza kein Frieden jemals kommen wird. Es liegt nicht nur an den Islamfaschisten der Hamas. Punkt.

Diese Leute aus der Israelszene erkennen oftmals noch nicht einmal, was es bedeutet, dass die arabischen Staaten jetzt die Hamas loswerden wollen, ganz ernsthaft und erstmals und den 7. Oktober verurteilt haben. Und was macht Israel? Es weitet den Krieg aus, lässt die Geiseln im Stich und siedelt weiter obsessiv im Westjordanland, das sehr viele genüßlich als Judäa und Samaria bezeichnen, auch säkulare Spinner, die gar nicht merken, wie antiisraelisch das ist.

Es gibt eine riesige Anzahl von Antisemiten in diesem Land. Aktivist*innen, die Israel auslöschen wollen und am 7. Oktober gefeiert oder geschwiegen haben. Wir haben alle Bekannte, Freund*innen, Arbeitskolleg*innen verloren, also jene, die wir eventuell noch nicht während Corona und nicht während dem Ukraine-Krieg verloren hatten, sprich: von den sehr wenigen, die noch da waren, sind noch weniger übrig geblieben.

Viele, die gegen die Corona-Maßnahmen waren, haben sich als Antisemiten gezeigt. Viele, die für eine diplomatische Lösung des Ukraine-Krieges sind, finden eine Einstaatenlösung für Israel super.

Aber selbst wenn wir ignorieren, dass weiteste Teile der Israelszene geistig, polisch und menschlich während Corona und während dem Ukraine-Krieg völlig versagt haben, bleibt jetzt nicht einmal mehr die herkömmliche Israelsolidarität übrig.

Daher gilt es den Text von Michael Schiffer, der sicher für sehr viele zumindest amerikanisch-jüdisch-zionistische Juden sprechen dürfte, wahrzunehmen, ihn ernstzunehmen und zu diskutieren.

Denn jetzt so zu tun, wie es Netanyahu und alle seine Fans in Deutschland oder USA tun, als ob alle pro-israelischen westlichen Regierung von Paris über London bis Rom und Canberra antisemitisch seien, das ist absurd und indiziert mal wieder einen Realitätsverlust.

Es zeigt zudem und das ist dramatisch, dass Israel und seine „Fans“ wirklich überhaupt nicht verstanden haben, was auf dem Spiel steht.

Michael Schiffer, der sein Leben dem Zionismus und der Unterstützung Israel gewidmet hat, sieht diese Abgründe:

Israel steht am Rande eines Abgrunds, und die amerikanischen Juden stehen ihm zur Seite. Die Frage ist, ob wir endlich den Mut finden werden, uns vom Abgrund zurückzuziehen, oder ob wir der Logik von Masada bis zu ihrem unvermeidlichen Ende folgen werden: einem Mord-Selbstmord-Pakt im Namen eines hohlen Sieges.

Ein Staat Palästina ist eben leider die Basis dafür, dass Israel in Frieden leben könnte. Es wäre ein Staat ohne Panzer und Armee und natürlich wäre es besser, es gäbe kein islam-faschistisches Regime im Iran, das im Zweifelsfall versuchen könnte, einen Staat Palästina aufzurüsten. Aber das ist seit 25 Jahren und noch länger klar.

Israel hatte auch Zeit, Zeichen zu geben für eine Annäherung an die Palästinenser bei gleichzeitigem Kampf gegen Teheran. Doch Israel hat Siedlungen gebaut und möchte weiter bauen, E1 reicht als Stichwort. Es möchte Gaza wieder besiedeln.

All das muss kritisiert und nicht nur mit der vorschnellen (vorschnell? Nach fast 60 Jahren Besatzung? hm… ) Anerkennung Palästinas durch Frankreich und England und andere im September 2025 bei den Vereinten Nationen umgegangen werden. Aber nur auf diese Anerkennung zu schauen und laut „nein“ zu schreien, ohne Israels Politik ganz grundsätzlich der letzten 25 Jahre zu hinterfragen in vielen Aspekten – und das gerade aus zionistischer Perspektive, das ist doch die Pointe – das ist zu billig, zu einfach, zu kurz gedacht, zu reduktionistisch und es ist gefährlich.

Das ist der Masada-Komplex. Wir sind umzingelt und lieber töten wir uns alle selbst, bevor wir in Verhandlungen gehen oder Fehler zugestehen, Kompromisse suchen.

Das meint meines Erachtens Michael Schiffer.

Wann soll denn der Prozesse der Staatenbildung einsetzen, nach bald 60 Jahren Besatzung? Die oberschlauen und de facto Israelfeinde kreischen dann sofort, dass es noch nie einen Staat Palästina gegeben habe. So what? Es gibt eine UN-Resolution an die sich Israel halten wollte, offiziell. Und die besagt, einen arabischen (=palästinensischen) und einen jüdischen Staat.

Millionen Israelis wollen Netanyahu weg haben, den Krieg beenden und alle Geiseln frei haben. Und das gleichzeitig. Zehntausende, manchmal auch Hunderttausende demonstrieren dafür jede Woche und mitunter alle paar Tage im ganzen Land. Ein kleiner Teil davon demonstriert auch dagegen, mit Hunger Krieg zu führen wie es Israel tut.

Die IDF hat nicht unabsichtlich jetzt dieses Krankenhaus beschossen und 5 Journalist*innen ermordet.

Das war kein Zufall. Wer Zeugenberichte der letzten Monate von IDF-Soldaten gelesen hat, weiß das.

Die deutsche Israel-Szene weiß es nicht und diffamiert jeden, der es ausspricht, als Verräter oder Antisemiten. So einfach ist deren Welt. Es ist ein obsessiver Philosemitismus, der viel vom Fanatismus des Antisemitismus hat, nur vordergründig anders gepolt. Am Ende führen beiden zum Ende des einzigen Judenstaates.

Aber all das wollen sie nicht hören.

Die Worte von Michael Schiffer aus den USA werden in Deutschland ignoriert werden, so wie jede substantielle zionistische Kritik an Netanyahu verhallte und weiter verhallen wird.

So lange, bis Israel, moralisch hoch erhoben und ohne einen einzigen Freund, Masada spielen wird, wie die Pro-Israel-Szene in Deutschland und weltweit. Helden, aber tot.

Schiffer resümiert:

Die Entscheidung, vor der wir stehen, ist klar: Wir können den Weg der moralischen Mitschuld weitergehen und zusehen, wie Israel sich selbst zerstört und die Glaubwürdigkeit der amerikanischen Juden mit sich reißt, oder wir können uns auf die prophetische Tradition besinnen, die Gerechtigkeit fordert, auch wenn – oder gerade wenn – sie die Macht herausfordert.

 

 

 

Benjamin Netanyahus rechtsextreme Politik tötet Palästinenser und den Zionismus

Von Dr. phil. Clemens Heni, Direktor, The Berlin International Center for the Study of Antisemitism (BICSA)

Die islamistische Terrororganisation Hamas hatte das Ziel, dass Israel nach dem schrecklichsten Massaker an Juden seit der Shoah vom 7. Oktober 2023 unverhältnismäßig zurückschlägt und sich somit international vollständig isoliert. Aber dass Israel der Hamas diesen Gefallen auf diese exzessive und blutige wie selbstmörderische Art und Weise machen würde, das hätten wohl nicht mal die mittlerweile eliminierten Hamasführer gedacht.

Israel betreibt eine völkerrechtswidrige Hungerpolitik, die Tausende, womöglich Zehntausende oder Hunderttausende der zwei Millionen Palästinenser*innen im Gazastreifen offenkundig an den Rand des Hungertods bringt. Jene, die noch Kraft haben, bei unerträglicher Hitze, kaum Wasser und Nahrung, sich ein Nahrungspaket zu sichern, laufen tagtäglich Gefahr, von IDF-Soldaten eiskalt oder in Panik, jedenfalls kriminell und völkerrechtswidrig erschossen zu werden. Der faschistische Minister und Koalitionspartner von Netanyahu, Smotrich, möchte den Gazastreifen zu einem Teil Israels machen.

Es müsste hingegen um eine Demokratie- und Anti-Islamismuspolitik in Gaza gehen – aber dazu sind die Faschisten und der obsessive Machtpolitiker und Narzisst Netanyahu selbst natürlich nicht in der Lage – wie auch? Sie wollen Israel auch im Innern zerstören, warum sollten sie für Demokratie in Gaza werben?

Es wurden, so berichten es IDF-Soldaten, Häuser einfach so zerstört – und zwar ein Großteil aller Häuser im Gazastreifen, der fast komplett unbewohnbar ist, die Flüchtlinge leben in Zelten oder Ruinen. Ob es überhaupt noch lebende Geiseln gibt, ist ungewiss. 20 israelische Geiseln lebten vor einigen Monaten vermutlich noch – aber jetzt?

Schon Ende Juni berichteten IDF-Soldaten in der Haaretz, dass sie wahllos auf Essen wartende Palästinenser schießen, teils auf Befehl. Das war schon zuvor so, weshalb 2024 auch viele, die anfangs für den Krieg waren, ihn lernten abzulehnen.

Wirklich kritische und hellsichtige Menschen wie der Zionist Irvin Cotler, ich habe über ihn berichtet, hatten von Anfang an die Hoffnung, dass Israel nach dem 7. Oktober diplomatisch geschickt agiert und den Iran weltpolitisch isoliert wie seine Proxies Hamas, Hisbollah, Houthis. Aber das Gegenteil passierte, Israel hat zwar die Führungskräfte der Hisbollah und der Hamas getötet und das iranische Atomprogramm angegriffen, aber vermutlich den Kern, auf 60 Prozent angereichertes Uran, wovon es ca. 400 kg im Iran gab, nicht getroffen. Und selbst wenn, es muss um ein Ende des iranischen Regimes gehen, was nur politisch erreicht werden kann – und mit einer Revolution im Iran.

Diplomatisch bekam Israel im Oktober 2023 enorm viel Unterstützung, nicht nur von den USA und England, sondern selbst von Deutschland und Frankreich sowie der EU. Aber der Rechtsextremismus von Netanyahu hat den Ausschlag gegeben, dass er die Geiseln als absolut tertiär für seine Politik betrachtet und die Fortführung seiner Koalition mit Faschisten wie Smotrich oder Ben Gvir hat Priorität.

Ist es nicht ein Wink für Psychoanalytiker*innen, dass Netanyahu vor wenigen Tagen eine Lebensmittelvergiftung hatte – während sie in Gaza an Hunger sterben? Hat sein Körper womöglich mehr Moral oder Ethik als er selbst? Er wird das gar nicht merken in seinem ich-verliebten Wahnsinn und seiner Terrorpolitik im Innern wie nach Außen, in Gaza wie im Westjordanland sowie gegen die Justiz in Israel. Von Arbeiter*innenrechten oder einer Sozialpolitik oder wenigstens dem leichten Einhegen der kapitalistischen Barbarei kann man ja in Zeiten des Turbo-Kapitalismus ohnehin seit Jahrzehnten nicht mehr reden, gerade auch in Israel nicht, so wenig wie in Deutschland oder den USA.

Es geht um alles. Es geht um das Töten von Palästinenser*innen und um das Ende des Zionismus.

Zionismus heißt zwei Staaten für zwei Völker.

Jüdische Faschisten wie Smotrich wollen das nicht und er hat viele Israelis hinter sich. Wären die Israelis so schockiert wie 1982, als christliche Milizen in Sabra und Schatila im Libanon bis zu 3000 Palästinenser*innen massakrierten und die israelische Besatzungmacht nur zuschaute? Damals demonstrierten sofort 350.000 Isarelis in Tel Aviv gegen diese Zulassen eines Massakers an Palästinenser*innen durch Israel.

Und heute? Heute ist Israel selbst an Massakern beteiligt, wie es ausschaut – wenn wir das Erschießen von bis zu 1000 Menschen in Gaza betrachten, die vermutlich großteils von Israel beim Warten auf Essen einfach erschossen wurden, weil ggf. junge IDF-Soldaten Panik vor Tausenden heranstürmenden, aber unbewaffneten und vor allem nur Essen suchenden Palästinensern hatten und einfach auf wehrlose Menschen schießen. Ethik bei der IDF? Das war gestern – oder vorvorgestern. Wobei, klar, das Wort Ethik und Militär ohnehin Widersprüche sind. Aber leider braucht Israel eine Armee, weil die Nachbarstaaten widerwärtige arabische Länder sind, die den einzigen Judenstaat seit 1948 zerstören wollen.

Die Tageszeitung Die Welt schreibt am 23. Juli 2025:

Auch der amerikanisch-palästinensische Analyst Ahmed Fouad Alkhatib vom Atlantic Council, der regelmäßig mit Menschen in Gaza spricht, berichtet von Wut und Protesten der Menschen gegen die Hamas. Gleichzeitig bezeichnet Alkhatib das von Israel neu eingerichtete Hilfssystem als gescheitert. „Der Hunger ist so schlimm wie nie zuvor“, sagt Alkhatib. Die Menschen wollten nur noch eines: „den Gaza-Streifen verlassen“.

Ein Scharfmacher der Jüdischen Allgemeinen und Vorsitzender des Landesverbandes jüdischer Gemeinden in Hessen, Daniel Neumann, hingegen schreibt:

So viele zivile Opfer wie möglich helfen dabei nur. Weshalb palästinensische Mitarbeiter der GHF [Gaza Humanitarian Foundation, CH] ermordet werden, Todeszahlen aufgebläht werden und durch bewaffnete Terroristen Chaos im Umfeld der Verteilstellen gestiftet wird. Denn auch hier gilt: Jeder tote Palästinenser, über den in den Medien berichtet wird, nützt der Hamas und schadet Israel. …
Die Hamas muss endgültig zerstört werden. Ihre Strukturen müssen zerschlagen werden. Und ihr Zangengriff muss aufgebrochen werden. Ein für alle Mal. Wenn Israel etwas aus der Geschichte gelernt hat, wenn es etwas aus dem 7. Oktober gelernt hat, dann gibt es nur eine Entscheidung. Eine schlechte Entscheidung. Aber eine richtige Entscheidung!

Schockiert über das Verhalten Israels scheint die Jüdische Allgemeine und mit ihr weite Teile der selbst ernannten Pro-Israel-Szene in Deutschland nicht zu sein. Die Welt schreibt:

Allerdings gibt es viele von Forensikern als glaubwürdig eingestufte Berichte, dass die meisten Zivilisten durch israelische Kugeln starben. Die Zeitung „Haaretz“ berichtete, dass IDF-Kommandeure den Beschuss von Menschenmengen mit scharfer Munition unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt hätten.

Der Journalist und Herausgeber der Times of Israel, David Horovitz, ist schockiert ob der Verhungerten in Gaza – für die Israel verantwortlich ist. Wenn eine Armee selbst von sich sagt, 75 Prozent des Gazastreifens zu kontrollieren, ist sie auch verantwortlich, was dort passiert. Und zwar zu 100 Prozent verantwortlich, jeder Verhungerte ist ein Opfer Israels. David Horovitz sieht entgegen der Jüdischen Allgemeinen, die sich de facto der rechtsextremen Regierung Israels anschmiegt, Israel in der Verantwortung, ja die aktuelle Politik von Netanyahu hat Israel so stark isoliert wie noch in der Geschichte Israels:

Israel, das selbst innenpolitisch völlig gespalten ist, ist dabei, die meisten seiner engsten Verbündeten zu entfremden, während die große Mehrheit der israelischen Öffentlichkeit verzweifelt ein Ende des Krieges im Austausch für die Freilassung aller Geiseln fordert. (Übersetzung CH)

Das ist nichts anderes als das exakte Gegenteil zur Jüdischen Allgemeinen. Die Times of Israel fordert damit auch einen sofortigen Waffenstillstand.

Der israelische Präsident Herzog hat bei seinem ersten Besuch in Gaza seit dem 7. Oktober jetzt gezeigt, dass er keinerlei Kritik an der mörderischen Politik der IDF hat, ja er lobt die IDF für ihr angeblich jetzt besseres Kommunikationsverhalten und die Aufnahme einiger weniger ultraorthodoxer Soldaten. Kein Wort zur offenkundigen Hungersnot, von der ja auch zionistische Medien wie die Haaretz oder die Times of Israel oder auch die Welt in Deutschland berichten.

Der aktuell extrem aggressive Antisemitismus weltweit basiert darauf, dass viele das Massaker an Jüdinnen und Juden vom 7. Oktober gefeiert oder verharmlost haben.

Doch im Laufe des Krieges Israels in Gaza, der ohne jedes Ziel ist – außer der Tötung von Palästinenern und einer unglaublichen Hungerpolitik fällt diesen Fanatikern nichts ein – wird es für zionistische Freund*innen Israels zunehmend unmöglich, Israels Politik zu verteidigen – abgesehen davon, dass es eben auch ein rechtsextremes Israel geben müssen darf, ohne mit Vernichtung bedroht zu werden – wir drohen ja auch nicht Italien mit Vernichtung, ’nur‘ weil eine Faschistin oder Post-Faschistin Regierungschefin ist, was auch für Ungarn oder die USA zutrifft. Aber was ist das für ein Argument …

Die taz schreibt:

Es ist nicht kompliziert. Wenn Unschuldige tausendfach sterben, wenn Kinder verhungern, wenn israelische Geiseln in Kerkern sitzen, muss die Antwort heißen: Dieser Krieg muss enden, jetzt.

Wenn Kranke und Verletzte nicht versorgt werden, wenn Ärzte angegriffen werden, wenn Menschen auf der Suche nach Essen erschossen werden, muss es heißen: Dieser Krieg muss enden, jetzt.

Doch wer auch nur einen kleinen Restbestand an Moral und Ethik hat, fordert jetzt einen sofortigen Waffenstillstand und eine Freilassung aller Geiseln und ein Ende der unfassbar völkerrechtswidrigen und zynischen Zurückhaltung und Nicht-Verteilung von Nahrung durch die israelische Armee.

Hat der militärische und mit Hunger Menschen in die Verzweiflung treibende „Druck“ Israels zur Befreiung der Geiseln geführst? Von wegen. Er wird zum Tod der Geiseln führen, die ja bekanntlich schon im April 2024 alle freikommen hätten können – doch der Faschist Smotrich hat Netanyahu gedroht, die Koalition platzen zu lassen und Netanyahu spurte sofort.

Mehr noch: Eine Guerilla-Terrorgruppe wie die Hamas kann man nicht komplett eliminieren. Sie ist tief in der Gesellschaft verankert, doch es gibt massenhaft Hinweise, dass die Bevölkerung in immer größeren Teilen die Hamas ablehnt, davon berichtet auch der oben zitiert Welt-Text.

Auch die israelische Friedensaktivistin Rotem Sivan, die vor 30 Jahren selbst als IDF_Soldatin in Gaza war und weiß, wovon sie spricht, ist unendlich näher dran an der Realität als die Jüdische Allgemeine. In einem Interview mit dem Tagesspiegel sagte sie vor wenigen Tagen:

Sie haben den Krieg ursprünglich unterstützt, weil Israel sich nach dem 7. Oktober gegen die Hamas verteidigen musste?
Zu Beginn des Krieges bestand die Aufgabe darin, die Geiseln zurückzubringen, die Sicherheit Israels wiederherzustellen. Als mein Sohn später als Reservist in die Armee zurückkehrte, war es schon eine völlig andere Mission. Jetzt ist das Einzige, was die Armee tut, Häuser zu zerstören. Eines nach dem anderen.

Der schockierende, aber so typische extrem rechte Text aus der Jüdischen Allgemeinen hat keinen näheren Einblick in die Situation in Israel, das merkt man beim Lesen – denn alle Waffenstillstandsforderungen beinhalten immer auch die Forderung nach der Rückkehr der Geiseln, aber nicht den „totalen Sieg“ über die Hamas, weil ein Großteil der israelischen Bevölkerung besser denken kann als Netanyahu. Eine Guerillagruppe wie die Hamas kann man nicht komplett ausschalten. Wer das meint, möchte alle Palästinenser vertreiben, was ja Teile der israelischen Regierung auch offen fordern und Netanyahu lässt sie das fordern.

Der in Deutschland Asyl suchende Anti-Hamas-Aktivist und Friedenskämpfer aus Gaza, Hamza Howidy, schreibt täglich gegen die Hamas und gegen den israelischen Krieg. Am 23. Juli 2025 postet er auf Facebook:

Vier Tage lang sind mutige Stimmen in Tel Aviv auf die Straße gegangen, unsere Brüder und Schwestern in Menschlichkeit, um gegen die Hungersnot in Gaza zu protestieren. Sie fordern ein sofortiges Ende des Krieges, ein Ende des Leidens im Gazastreifen und die Freilassung aller israelischen Geiseln.
Genug mit diesem Blutvergießen. (Übersetzung CH)

Und ja, auch ich habe lange Zeit bis 2024 einen Waffenstillstand abgelehnt – weil ich nicht mit Irvin Cotler gesprochen hatte, obwohl ich ihn immer wieder auf Konferenzen bis 2015 in Israel oder den USA getroffen und mit ihm diskutiert hatte. Jetzt fehlte so eine kritische Stimme und ich war gefangen im Delirium und dem fanatischen Kokon jener in Deutschland, die meinen Pro-Israel zu sein. Was viele überhaupt nicht sind, da sie keine tiefere Ahnung von Menschenrechten und dem Zionismus haben.

So sehen es auch sehr viele – sehr viele – junge und bislang zionistische Leute in den USA. Hier ist ein typisches und eloquentes Beispiel:

In den Wochen nach dem 7. Oktober gab es unfassbare Aufrufe von Knessetmitgliedern und Militärs, den Gazastreifen unterschiedslos zu bombardieren, ja den Gazastreifen platt zu machen, „den Feind zu nakben“, Hunderttausende zur Flucht aus dem Gazastreifen zu zwingen, „den Gazastreifen auszulöschen“, die Bevölkerung des Gazastreifens zu Hunger und Durst zu zwingen und einen „territorialen Preis“ für die Rückgabe des Gazastreifens an die Juden zu fordern, an der Tagesordnung.

Ich habe diese Kommentare damals ignoriert oder entschuldigt, weil ich die Psyche der Israelis zu dieser Zeit verstand – weil ich sie auch fühlte.

Nicht die blinde Wut, wahllos zu töten, sondern die Angst, den Kummer und die Sehnsucht nach einem Preis, der zu zahlen ist. Ich hatte nicht erwartet, dass Israel tatsächlich an diesen Punkt gelangen würde, an dem sich diese Emotionen in motivierte Handlungen verwandelt haben, selbst fast zwei Jahre nach diesem schrecklichen Tag. (Übersetzung CH)

Ziemlich exakt so ging es mir auch – aber die typischen Jüdische Allgemeine-Leser*innen oder Maxim Biller-Fans haben eine solche Selbstreflektion vermutlich nicht.

Dabei habe ich schon vor vielen Jahren Netanyahus rechtsextreme Politik scharf kritisiert, aber unter dem schockierenden Eindruck der unbeschreiblichen Gräuel durch die Hamas an Jüdinnen und Juden war auch ich wie gelähmt, was eine kritische Reflektion zumal des eloquenten Menschenfängers Netanyahu betrifft.

Netanyahu persönlich ist verantwortlich für das unfassbare Töten in Gaza und er wird den Zionismus vollends zerstören.

Das wäre dann der komplette Sieg der Hamas, die Benjamin Netanyahu über viele Jahre mit Milliarden Dollar via Katar unterstützt hat, um einen Keil zwischen Gaza (Hamas) und dem Westjordanland (Fatah) zu treiben.

Friedenspolitik geht anders. Zionismus geht anders.

 

Update:

Wie die Times of Israel am 24. Juli 2025 berichtet: Der Faschist Amichay Eliyahu, ein Minister für „jüdisches Erbe“ (Heritage) der israelischen Regierung möchte den ganzen Gazastreifen von Palästinensern säubern und mit Juden besiedeln, eine aktuelle und belegte Hungersnot leugnet der Fascho. Der Oppositionspolitiker Lapid attackiert den Rechtsextremismus und Rassismus von Eliyahu – einem Minister von Netanyahu, der Gaza komplett von Palästinensern säubern will.

Zugleich kündigt der französische Präsident Macron an, im September 2025 den Staat „Palästina“ völkerrechtlich anzuerkennen bei den Vereinten Nationen.

Der Jewish Forward und die Rabbinerin Jill Jacobs nehmen sich am 23. Juli 2025 die amerikanischen Juden vor und sind fassungslos ob deren Schweigen angesichts der Verbrechen der Regierung Netanyahu an den Palästinensern und vergleichen das auch mit dem genauso unethischen und abwehrenden, Israel nicht in Verantwortung nehmenden Verhalten früherer amerikanischer Juden angesichts des Massakers in Sabra und Schatila 1982, wo Israel als Besatzungsmacht einfach zuschaute und das Massaker geschehen ließ:

In 1982, as some 400,000 Israelis took to the streets in protest of the Sabra and Shatila massacre, mainstream American Jewish leaders hemmed and hawed. “We reject the idea of any participation or involvement by the Israel Defense Force in this terrible event,” Julius Berman, then-chairman of the Conference of Presidents of Major American Jewish Organizations, told JTA at the time. Charlotte Jacobson, the chair of the World Zionist Organization’s America section, deplored the “trigger-quick eagerness of the world” to blame Israel for the incident.

When the Israeli commission of inquiry ultimately issued its report, it found that Israel held indirect responsibility for the massacre and that then-defense minister Ariel Sharon held personal responsibility. Nearly 50 years have passed since Sabra and Shatila. Israel is not immune from extremism, war crimes or autocracy. Yet a fear of being labelled antisemitic still deters American Jews and Jewish institutions from taking a position that is not only morally correct, but also the best way to advance love and concern for the Jewish state and its people.

…

But our own fear must not distract us from the reality that the biggest threat to Israel, and indeed to Judaism itself, is coming from Israel’s governing coalition. Israel is increasingly becoming an autocratic and theocratic state. This is the moment for American Jews — including both leaders and ordinary Jewish community members — to raise their voice.

Israelische Politiker und Jurist*innen fordern: Für ein sofortiges Ende des Gazakrieges, gegen die völkerrechtswidrige „Humanitäre Stadt“ im Gazastreifen („Auffanglager“)

Von Dr. phil. Clemens Heni, Direktor, The Berlin International Center for the Study of Antisemitism (BICSA)

 

Es reicht.

Wir können nicht länger unsere Augen verschließen und die Realität ignorieren.

Der in dieser Woche von Nir Hasson und Nurit Yohanan veröffentlichte Bericht über eine ganze Familie, die bei der Bombardierung eines Gebäudes in Gaza getötet wurde, während Rettungskräfte stundenlang daran gehindert wurden, den Ort des Geschehens zu erreichen, wird keine Seele zur Ruhe kommen lassen. Das Gleiche gilt für die Berichte über weitere 20 Menschen, die in einem der von der Gaza Humanitarian Foundation betriebenen Lebensmittelverteilungszentren getötet wurden.

Wir dürfen unsere Augen nicht verschließen. Wir dürfen nicht den Kopf in den Sand stecken.
Wir dürfen nicht gleichgültig bleiben gegenüber dem Verlust unschuldiger Menschenleben in einem Krieg, der längst hätte beendet sein müssen.

Die Operation „Schwerter aus Eisen“ hat sich zu einem Krieg der Täuschung entwickelt.
Die Fortsetzung des Krieges fordert einen unmoralischen und ungerechtfertigten Preis – von unseren Brüdern und Schwestern, die als Geiseln gehalten werden, von unseren Söhnen und Töchtern, die im Militär dienen, und von unschuldigen palästinensischen Zivilisten.

Der Krieg muss beendet werden. Bis dahin muss die IDF ihr Verhalten bei Angriffen in dicht besiedelten Gebieten ändern.

Die israelischen Medien müssen über die Geschehnisse in Gaza berichten.
Die israelische Öffentlichkeit muss auf die Straße gehen, um ein Ende des Krieges zu fordern. Und ja, auch meine Partner in der Opposition und ich müssen viel deutlicher und nachdrücklicher ein Ende des Krieges fordern.

Es reicht.

Wir verlieren unsere Werte.
Wir verlieren unsere Widerstandsfähigkeit.
Wir verlieren unseren Weg.“ (Alle Übersetzungen aus dem Englischen in diesem Text von CH)

Das ist ein Statement vom 17. Juli 2025 des Knessetabgeordneten Gilad Kariv von der Partei Die Demokraten. Er plädiert mit großer Vehemenz für ein Ende des Krieges in Gaza.

Ein offener Brief von israelischen Juristinnen und Juristen, Richterinnen und Richtern fordert jetzt einen sofortigen Stopp der geplanten „Humanitären Stadt“ im Gazastreifen, die auf den Trümmern der Stadt Rafah von Israel gebaut werden soll und in der anfangs 600.000 Palästinenser*innen aus dem Gazastreifen hineingezwungen werden sollen – nach einer Sicherheitskontrolle, dass sie keine Hamas-Leute sind und ohne die Option die Stadt wieder verlassen zu können. Das Ziel ist die Emigration der Palästinenser*innen und eine teilweise Wiederbesiedelung des Gazastreifens mit jüdischen Siedler*innen.

Das ist kriminell. Das ist illegal. Das verstößt gegen das Völkerrecht.

Damit verließe Israel nochmals den Kreis der zivilisierten Staaten, den es mit der aktuellen Kriegsführung ohnehin schon seit spätestens 2024 verlassen hat, da gezielter Hunger eine völkerrechtswidrige Waffe ist. Wer weiß, was für Folgen Hunger hat – auch für die Geiseln – sieht, wie mörderisch und selbstmörderisch die aktuelle IDF-Strategie ist. Es wird nicht nur zu einer, sondern gleich mehreren Generationen von Jihadisten geradezu erzogen, da braucht es keine Hamas, um so den Hass auf Israel zu schüren.

Diese Kriegsführung hat nichts mit Zionismus zu tun. Sie schadet den Geiseln. Sie mordet unentwegt Palästinenser*innen und greift auch – natürlich „zufällig“ und „nicht absichtlich“ – die fast einzige Kirche im Gazastreifen an, wie jetzt geschehen.

Die 16 oppositionellen Jurist*innen in Israel schreiben am 10. Juli 2025:

In Anbetracht der beschriebenen Rechtswidrigkeit stellt jede Anweisung, die Errichtung einer
„humanitären Stadt“ in Gaza vorzubereiten oder voranzutreiben, einen offenkundig rechtswidrigen Befehl dar, der nicht befolgt werden darf.
Die Ausführung dieses Plans könnte sowohl politische Personen als auch IDF-Offiziere und -Soldaten vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag und in anderen Gerichtsbarkeiten erheblichen
rechtlichen Risiken aussetzen. Im Gegensatz zu Staatsoberhäuptern, die unter bestimmten Umständen Immunität genießen, genießen Politiker und Militärangehörige keine Immunität, und für die oben beschriebenen Verbrechen gilt keine Verjährungsfrist.
Jeder, der diesen Plan plant, genehmigt oder ausführt, kann persönlich für schwere internationale Verbrechen verantwortlich gemacht werden. Wir sind der Ansicht, dass aufgrund der offensichtlichen Rechtswidrigkeit die Einrede des höheren Befehls nicht möglich ist, schon gar nicht in internationalen oder ausländischen Foren. Anführer und Befehlshaber, die die IDF-Kräfte anweisen, diesen Plan auszuführen, befehlen ihnen effektiv, Handlungen auszuführen, die eindeutig rechtswidrig sind, und setzen sich damit weltweit der Strafverfolgung aus.
Wir fordern daher alle zuständigen Behörden dringend auf, sich öffentlich von diesem Plan loszusagen, ihn zu desavouieren, und sicherzustellen, dass er nicht umgesetzt wird.

Das ist ein außerordentlich wichtiger offener Brief.

Er wurde auch von zionistischen Juristen unterschrieben, die zuvor Israel gerade noch verteidigt hatten gegen den Vorwurf, in Gaza einen „Genozid“ zu verüben, die Times of Israel berichtet:

Das Schreiben wurde unter anderem von Eyal Benvenisti von der Universität Cambridge unterzeichnet, der einer der Experten war, die Israel in dem von Südafrika vor dem Internationalen Gerichtshof angestrengten Völkermordverfahren verteidigten.

Weitere prominente Unterzeichner waren Yuval Shany von der juristischen Fakultät der Hebräischen Universität, der Schriftsätze zur Verteidigung Israels vor dem ICC eingereicht hat, sowie David Kretzmer, Eliav Lieblich, Tamar Megiddo und andere.

Der Jewish Forward und sein Kolumnist Dan Perry aus den USA klagen Benjamin Netanyahu persönlich für den Zusammenbruch des Zionismus an („The scourge of Netanyahu’s self-interest has brought Zionism to its breaking point„) und bezeichnen ihn als den „zerstörerischsten Führer in der Geschichte Israels“ („I first met Netanyahu in 1988. Here’s how he became the most destructive leader in Israel’s history.„)

Die New York Times wiederum hatte berichtet, dass es Netanyahu war, der spätestens im April 2024 einen umfassenden Geisel-Deal, der die restlichen jüdischen und weitere Geiseln der Hamas befreit hätte, nicht unterschrieb, weil seine faschistischen Regierungspartner wie Bezalel Smotrich ihr Veto einlegten und Netanyahu damit keine Mehrheit mehr im Parlament gehabt hätte und sich schutzloser seinen Gerichtsverfahren gegenüber gesehen hätte („How Netanyahu Prolonged the War in Gaza to Stay in Power„).

Zugleich haben jetzt die beiden faschistischen, rechtsextremen israelischen Politiker Bezalel Smotrich und Itamar Ben Gvir Einreiseverbot nach Slowenien, einem EU-Land.

Wer kritisch zu Israel berichtet kann im Zweifelsfall seinen Laptop am Flughafen von der Fluggesellschaft bzw. dem „Sicherheitspersonal“ gestohlen und Tage später kaputt zurück bekommen, wie die taz von einer Kollegin berichtet. Meinungsfreiheit? Freiheit der Presse? Persönlichkeitsrechte? Das soll eine Demokratie sein? Ernsthaft?

Gleichzeitig gibt es nonstop antisemitische Demonstrationen, es werden Pro-Hamas Aufkleber geklebt und bei Antifa-Demos gegen die AfD wie in Heidelberg, werden dann wie selbstverständlich Antifafahnen und Palästina-Fahnen geschwenkt (wie am 18. Juli 2025 in Stadtteil Emmertsgrund). Wären diese Leute für Palästina und für Israel, würden sie auch eine Israelfahne schwenken.

Wieder andere fordern eine Art Konförderation zwischen zwei Staaten – Israel und Palästina – wie die Initiative Two States One Homeland oder A Land for All. Gleichwohl scheint diese Initiative das „Rückkehrrecht“ für alle Palästinenser*innen zu tolerieren (was eine zentrale Forderung der antisemitischen BDS-Bewegung ist), was auch jene Millionen Nachfahren von damals tatsächlich Vertreibenen – von denen nur noch wenige Zehntausend heute leben – bedeutete, was den Staat Palästina extrem vergrößern könnte, da ca. 5 Millionen palästinensische „Flüchtlinge“, die gar keine sind und alle lange nach 1948 in anderen arabischen Ländern oder in Europa, Amerika, Asien etc. geboren wurden, dorthin ziehen könnten.

Wer einen Krieg beginnt, so wie ihn die Araber gegen das von Holocaustüberlebenden, Zionist*innen und in Israel geborenen Juden gegründete Israel 1947/48 anfingen, und ihn verliert – hat auch völkerrechtlich verloren.

Zionismus heißt zwar gleiche Rechte für alle in Israel lebenden Menschen, aber es heißt auch eine sehr deutliche jüdische Mehrheit im Land, seit 1948 bis heute sind ca. 75 Prozent der Bevölkerung in Israel Juden. Das ist ein Zeichen, wie vielfältig dieser Staat ist, arabische Staaten sind extrem homogen und haben nach 1948 ebenfalls ca. 700.000 Juden vertrieben, von Marokko bis Irak. Auch religiös sind arabische Staaten eine nahezu komplette Einöde, es gibt nur den Islam.

Die antizionistische Szene, die als „pro-palästinensisch“ immer falsch tituliert wird, ist hoffnungslos verloren, sie kämpft nicht für ein freies Palästina, sondern verharmlost oder feiert den Islamismus und die Hamas und selbst die anti-Hamas Fraktion ist häufig antisemitisch (im Gegensatz zu Hamza Howidy jedoch!), weil sie den Zionismus und Israel ablehnt.

Die anti-antisemitische Szene ist häufig blind für den Extremismus in Israel, nicht erst seit dem 7. Oktober, sondern seit Jahrzehnten. Sie hätte aber theoretisch die Möglichkeit, innezuhalten, und sich zu ändern. Aber auch hier sind seit dem 7. Oktober noch stärkere Tendenzen des Sich-Einigelns erkennbar, Abweichler*innen werden diffamiert und Selbstkritik ist für viele ein Fremdwort.

Solche kritischen jüdisch-israelischen Jurist*innen gibt hierzulande nicht in der sogenannten Pro-Israel Szene – und wenn es sie gibt, sind die Protagonist*innen meist zu feige, sich zu zeigen und unterscheiden zwischen privaten Äußerungen („Bibi ist ein elender Drecksack“, das kann ich aber öffentlich niemals sagen) und öffentlichen Auftritten.

Dazu kommen die rechtsextremen und konservativen ‚Freunde‘ und ‚Freundinnen‘ Israels, die zum Beispiel keinerlei Problem mit Treitschke- oder Felix-Wankel-Straßen in Deutschland haben, die Juristin Frauke Brosius-Gersdorf auch auf gar keinen Fall als Verfassungsrichterin in Karlsruhe sehen wollen oder sich in Fragen des Natalismus- und Kinderfetisch und der Frauenverachtung wie Abtreibungsgegnerschaft mit den Ultraorthodoxen in Israel treffen, die im Schnitt 7 Kinder haben – so wie die Präsidentin der EU-Kommission -, was Israel ohnehin in wenigen Jahrzehnten an den Rand des nicht nur geistigen Zusammenbruchs führen wird, wie der Jewish Forward befürchtet:

Der nationale Selbstmordpakt der Haredi: Netanjahu ist inzwischen ganz auf einer Linie mit den bereits erwähnten Haredi-Parteien, die sich in einem massiven Konflikt mit dem Rest der Gesellschaft befinden. Die Haredi-Gemeinschaft, die den Militärdienst überwiegend verweigert und eine niedrige Erwerbsbeteiligung aufweist, wächst explosionsartig und hat im Durchschnitt fast sieben Kinder pro Familie. Sie machen inzwischen ein Sechstel der Bevölkerung aus und verdoppeln ihren Anteil in jeder Generation. Sie weigern sich, ihre Jugend säkulare Kernfächer studieren zu lassen, die sie in einer modernen Wirtschaft beschäftigungsfähig machen würden, sind von der Sozialhilfe abhängig und bestehen auf einem langjährigen Seminarstudium auf Kosten der Steuerzahler. Netanjahu, der ohne ihre politische Unterstützung keine Mehrheit hat, ist ihr wichtigster Ermöglicher geworden. Das Ergebnis ist eine demografische Zeitbombe. Wenn sich die Dynamik nicht ändert, wird es in Zukunft eine Mehrheit geben, die die Werte des modernen Israel ablehnt.

Worum es also geht? Easy:

Für Israel, gegen Benjamin Netanyahu.

Gegen antizionistischen Antisemitismus, aber auch gegen die aktuelle mörderische Militär-Politik der IDF.

Dass die meisten auch Pro-Israelis darüber hinaus ohnehin keinerlei Ahnung von einer rationalen Coronapolitik hatten (in Israel gab es jenseits der Regierung in der Public Health, Immunologie und Medizinforschung insgesamt seriöse Ansätze, Corona rational und nicht totalitär-panisch hygienestaatsmäßig zu begegnen), bis heute, dazu überhaupt keine Probleme mit ihrer Ukraine-Unterstützung haben und nie etwas zu den Pro-Holocaust-Täter Denkmälern in der Ukraine sagen oder sich gegen die Rot=Braun Ideologie des bürgerlichen Mainstream wenden, kommt ohnehin noch dazu, aber wem sage ich das. Und von kapitalistischer Herrschaft und den Verwerfungen durch die neoliberale und post-neoliberale kapitalistische Weltpolitik haben zumal in dieser Szene auch nur zu wenige eine Ahnung, da wird lieber mit CDU-Politiker*innen gekuschelt, als linkszionistisch gekämpft – gegen Kapitalismus und gegen Antisemitismus in all seinen Formen.

Die Situation als ausweglos zu bezeichnen, wäre euphemistisch.

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